Jamie Reid

Geboren 1947 als der Sohn von John McGregor-Reid, Stadt-Verantwortlicher von ‚Daily Sketch‘. Jamie Reid wuchs in Shirley auf, dem dreissiger Jahre ‚Traum-Vorort‘ östlich von Croydon. Es ist eine ordentliche Umgebung, welches zu der Zeit als es aufgebaut wurde mit der damaligen räumlichen Phantasie übereinstimmte: Vor-Städtisch. ‚Im Prinzip ist es ein sehr gutes System,‘ sagt Reid, ‚warum soll nicht jeder seinen eigenen Garten haben? Aber ich hatte immer eine Hass/Liebe Beziehung zur Vorstadt: Ich hasse, was daraus geworden ist.‘

Jamie ReidJamie ging direkt von der John Ruskin Grammar Schoolar zur Wimbledon Art School, in der er ein unwilliger Student war. Er hatte zu entscheiden zwischen Kunst und Fussball, aber die Malerei gewann: Reid besessen von Jackson Pollock, dessen Leinwände er als Landschaften sah. In Wimbledon waren die Unterrichts-Methoden sehr traditionell und Reid rebellierte: ‚Ich war ein typischer gewöhnlich abscheulicher junger Kunststudent.‘ Er war bereit für die Croydon Art School welche mehr Freiheit bot: voll von der Romantik der Malerei, begann er dort in Herbst 1964.

Die Beinahe-Revolution die in Paris auftauchte und den Rest von Frankreich während des Mai 1968 hatte eine unmittelbare Auswirkung auf die Jugend weltweit: teils weil es der erste vom Fernsehen übertragene städtische Aufstand war, teils weil es eine Generation markierte welche ihren politischen Rechte forderte.

Die meist-identifizierten Zeichen im Paris von 1968 waren Plakate und Graffities, inspiriert durch die Situationistische Internationale. Ihre verschlüsselten Phrasen waren das perfekte Medium für diese Revolte. Slogans wie VERLANGE DAS UNMÖGLICHE oder PHANTASIE BESTIMMT DIE MACHT umgekehrte herkömmliche Logik: sie liessen komplizierte Ideen plötzlich sehr einfach scheinen. Für die gelangweilten Student in Croydon, diente der Aufruhr an der Sorbonne in Paris als Start-Pistole. Einige Stundenten, unter ihnen Malcolm McLaren und Jamie Reid, wurden in ein Sit-In, welches sich in Croydon entwickelte, miteinbezogen. Am 5. Juni 5 verbarrikadierten sich die Studenten im Anbau von South Nordwood und stellten eine Reihe unmöglicher Forderungen.
‚Die Idee war in der Luft,‘ sagt Jamie Reid; ‚zu der Zeit war es zwingend an dem was vorging teilzunehmen und seine eigenen Massnahmen zu ergreifen. Es gab einen sehr guten Kontakt zwischen der Sorbonne, Croydon und Hornsey.‘ Die Aktion war vor allem ein Medienereignis. Aber für Jamie Reid und seine Kollegen wie Fred Vermorel und Malcolm McLaren, war es ein Augenöffner: ‚Ich wurde vom Studenten der sich um seine kleine Nische sorgte zu Jemandem der sich darum kümmerte was in anderen Teilen der Welt geschah – was in Paris stattfand, den Unruhen in Watts. Ich fühlte ernsthaft dass ich die Kontrolle über mein Leben und über meinem Umfeld hatte.‘ Sie erlernten eine Sprache zur Artikulation ihres Zorns und ihrer Ideale.

King Mob Echo #5Eine frühe englische Antwort zur SI war die Zeitschrift Heatwave. Einige der Verfasser einschliesslich des Co-Herausgebers Christopher Gray bildeten 1968 ihre eigene Gruppe King Mob und erklärten sich und ihre Politik durch ihre ‚Boulevard‘-Zeitschrift King Mob Echo. Die Gruppe entnahm ihren Namen von Christopher Hibbert’s Buch (1958) über die Gordon Unruhen vom Juni 1780 in London, einer anarchischen Woche die in Ansätzen der Französischen Revolution einige Jahre später entsprach. Durch den Applaus an diesen verborgenen Moment der britischen Geschichte, versuchte die Gruppe ein ungordnetes, anarchisches Grossbritannien wieder hervorzuheben welches früher unter dem Teppich gekehrt wurde. Es war ein Versuch, einen spezifisch britischen Kontext zur wachsenden Unzufriedenheit herzustellen. Einige Kunststudenten aus Croydon, mit Namen Malcom McLaren, Jamie Reid und Fred Vermorel, waren auch in einige der Aktiviäten involviert.

Im ersten Quartal 1970 arbeitete Jamie Reid mit Malcolm McLaren an der Geschichte der ‚Oxford Street‘ ‚als ein Set von Attraktionen; Ansehen wurde erfunden, damit Leute sich verbessern während sie in hohem Masse dafür bezahlen‘. Ihre Version vollzog die Geschichte der Oxfords Sreet von Tyburn bei Marble Arch am westlichen Ende: die Hänungen am Montag, Exekutionstag, waren ‚Londons grösstes unentgeltliches Spektakel‘. Die Strasse wurde langsam durch die Mittelklasse übernommen: 1760 öffnete das Pantheon, ein moderner Unterhaltungs-Palast, in moderner Unterhaltungspalast wo sich eine Dame ‚eine Hälfte elegant und die andere Hälfte in Fetzen‘ anzog. Ihr Bericht der Gordon Riots beginnt: ‚die Mittelklasse startete sie gegen die Katholischen. Dann stürmten Hunderte von Ladenbesitzer, Tischler, Bedienstete, Soldaten und Seeleute die Strassen. Es gab nur einige katholische Häuser zu zerstören. So begannen sie alle Häuser der Reichen zu zerstören, Die Mittelklasse wollte nichts mehr damit zu tun haben.‘ Die Unruhestifter ’stürmten dann alle fünf Londoner Gefängnisse. Sie wollten alles niederschlagen welches sie am Spass haben hinderte und sie unglücklich machte. Sie wollten alle verrückten Leute und die Löwen aus dem Tower befreien.‘ Der Film wurde nie fertiggestellt.

Jamie Reid war 1970 Mitgründer der Suburban Press, was in Jamie’s Worten ’sehr Anarchisten, Situationisten basierend‘ war. Sie produzierten ihre eigenen Plakate und Zeitschriften und druckten Handzettel für Häuserbesetzer, Rechte der Gefangenen, Bewegungen der Schwarzen und feministische Frauengruppen. Jamie Reid machte sich mit libertären Denkern wie Charles Fourier vertraut und publizierte Gedanken britischer Anarchisten wie William Morris und Digger Gerrard Winstanley.

Leaving the 20th Century Weil Suburban Press ’sehr schnell, leistungsfähig, agitprop-artig‘ mit einem kleinen Budget produzieren musste, war improvisieren notwendig. Sie schnitten Buchstaben aus Zeitungen und Photografien aus und ’nutzten die ganze Art des verrissenen und zerrissenen Punk-Images.‘ 1974 entwarf und druckte Jamie Reid die erste englischsprachige Anthologie der Situationisten, Christopher Gray’s Uebersetzung von SI-Texten Leaving the 20th Century.

Dann 1976 schickt Malcolm McLaren, jetzt Manager einer Bandes namens the Sex Pistols, Jamie Reid ein Telegramm: ‚Habe diese Burschen, interessiert wieder mit Dir zusammenzuarbeiten.‘ Reid’s Beitrag als Sex Pistols‘ Art-Director wird in den meist provozierendsten Designs der Rock-Musik resultieren. Jamie Reid sagt: ‚Es war nicht das Phänomen das mich interessierte. Ich sah Punk als Teil einer Kunstbewegung welche über die letzten hundert Jahre ging, mit Wurzeln im russischen Agitprop, im Surrealismus, in Dada and Situationismus.‘ ‚Wir pflegten mit John (Rotten/Lydon) viel zu sprechen, über die Situationisten, über Suburban Press. Die Sex Pistols schienen das perfekte Vehikel um Ideen direkt jenen Leuten zu vermitteln welche nicht die Mitteilungen linker Politik erhielten.‘

Was auch immer ihre exakte Herkunft war, die schallenden Phrasen der ersten Pistols Single Anarchy in the UKwar kraftvoll genug um die Idee von Anarchie in eine neue Jugendkultur, die Punk genannt wurde, einzupflanzen.

Jamie Reid's 'Anarchy Flagge'Im Oktober 1976 unterzeichneten Glitterbest und EMI einen zweijährigen Vertrag für die Sex Pistols. Anarchy in the UK sollte die erste Sex Pistols Single sein. Die Idee dahinter war stark: Der Song war nichts anderes als ein Manifest für den Eintritt der Gruppe in das öffentliche Leben. Die Präsentation der Single muste sorgfältig angegangen werden. Gruppen Fotos wurden als cliché-mässig von Glitterbest im Rahmen ihres Vertragsveto zurückgewiesen: an deren Stelle, entschieden sie sich Plattenumschlä,ge und Plakate zu benutzen um die Ideen hinter den Sex Pistols zu artikulieren. Reid und McLaren kamen schliesslich mit einer Idee, die in seiner Einfachheit verblüffte – ein normaler, glänzender schwarzer Beutel. ‚Die Idee, keine Identitüt zu haben, war sehr anarchisch,‘ sagt McLaren. Für das Plakat zerriss Reid eine Union Jack Souvenir-Flagge und setzte sie mit Sicherheitsnadeln neu zusammen.

Seine Plakate und Plattenhüllen wurden, sagt er, entworfen, ‚um Ideen zu artikulieren, von denen viele Anti-Establishment und ziemlich theoretisch und schwierig waren.‘ Reid nahm häufig passende Bilder und veräderte sie subversiv; Plakate für die Pistols‘ Single God Save the Queen, stellt die Queen mit einer Sicherheitsnadel durch ihre Lippen dar.

Für die folgende Pistols-Single, der Ersten bei A&M, erarbeitete die Plattenfirma Cover Entwürfe welche die Gruppe vor dem Buckingham Palace. Glitterbest jedoch plante eine brilliante Kampagne, welche alle Aspekte der Erfahrung und des Wissens von Jamie Reid über den Situationismus nutzte. Die Single sollte ohne Foto-Cover veröffentlicht werden, aber eine ganze Serie von Bilder war für die Medien-Begleitung ausgearbeitet worden: Handzettel, Plakate, Anzeigen und Aufkleber welche bereits verteilt waren. Es war Reid’s erste integrierte Kampagne.

Ich muss buchstäblich Hunderte von unterschiedlichen Bilder um dieses offizielle Portrait von Cecil Beaton gemacht haben. Ich machte zwei Tage Sessions mit dem Photografen Caroll Moss bis ich auf die Idee mit der Sicherheitsnadel durch ihren Mund kam. Es gab nichts mehr das dies schlagen konnte; Du hast die gleiche Taktik anzuwenden, welche Dir von Jemandem wie dem Mirror oder der Sun zurückgeworfen wird. Das Sicherheitnadel Bild wurde bei A&M nicht verboten, obgleich es das war wo sie Hakenkreuze auf ihren Augen hatte.‘

Unused artwork for 'Pretty Vacant', July 1977Während der Berlinreise 1977 hatten die Sex Pistols einen neuen Song, Holidays in the Sun, geschrieben, aber er war nicht fertig. So entschieden sich McLaren und Reid Pretty Vacant zu nehmen: Er war leicht ins Ohr gehend, bei den Fans bereits sehr populär und textlich nicht kontrovers. Es war einer der ersten Pistols‘ Songs und der offensichtlich meist hymnenmässige, mit seinem einfachen aber dramatisch beginnenden Wiederhol-Akkord und der mitinbegriffenen Chor-Linie.

Trotz der Eile mit der es geplant wurde, Pretty Vacant war ein berechnendes, komplexes Paket, von der Situ-Bild Umschlag bis zur ausbrennenden Version von No Fun auf der B-Seite.

Kurz danach war über den Titel und das Cover des zu folgenden Sex Pistols Album zu entscheiden. Ursprüngliche Versionen wurden God save the Sex Pistols genannt, und Jamie Reid hatte erste Entwürfe in leuchtend Gelb und Dunkelrot ausgearbeitet. Es sollte wiederum keine Abbildung der Gruppe sein, nur Beschriftung durch ausgeschnittene Buchstaben mit einer groben Auflösung, erinnernd an Bildschirm-Abdrucke. Während dem Sommer bekam das Album den Namen Never Mind the Bollocks, einem Satz von Steve Jones.

Cover für 'Holidays in the Sun'Um die Beachtung beizubehalten, wurde Holidays in the Sun als vierte Single aus dem Hut gezogen. McLaren und Reid erarbeiteten eine weitere Kampagne mit einem Video (nie erstellt) welches eine ‚Neu-Schöpfung der Fernsehwerbungen benutzt von der Sun und News of the World um Urlaubssendungen anzukündigen‘. Dies war die Blütezeit des graphischen Images der Sex Pistols. Unter Druck, Reid wollte seine Situationisten Beziehungen bekannt machen. Die Vorderseite des Covers war eine abgewandelte belgische Ferienbroschüre, welche als Comic eine typische Familie in einem typischen Urlaub darstellte. Reid setzte die Songtexte in die Sprechblasen ein, gleich wie es die Situationisten mit Detektiv-Comics taten.
Für die Rückseite, verwendetet eine Abbildung aus der Subruban Press, genannt Nice Drawing, und fügte einfach die Satellite Beschriftung aus dem 100 Club Plakat des vorhergehenden Jahres dazu. Für die Musikpresse-Werbung und grossen Plakate, nahm Reid eine Graphik die er für Chris Gray’s 1974 Uebersetzung der Situ Texte verwendete, und fügte Sprechblasen und einen alten Suburban Press Aufkleber hinzu: Halte diesen Winter warm, erzeuge Unruhen.‘

Original LP-Cover, 1977 Am 28. Oktober 1977, das Sex Pistols Album Never Mind the Bollocks – Here’s the Sex Pistols wurde vor-veröffentlicht, zwei Wochen bevor die weltweite Veröffentlichung eingeplant war. Glitterbest hatte bereits Tonbänder zum französischen Lizenz-Partner Barclay versendet und, als zusätzlich verzögerndes Element, beharrte darauf dass Virgin Submission zu den bereits gepressten elf Tracks hinzufügen sollte. In der letzten Oktober-Woche erfuhr Virgin von Barclays‘ Plan Kopien vor dem Freigabedatum nach England zu exportieren und Virgin veröffentlichte das Album vorzeitig.
Mit Bodies, dem Titel und dem bereits verbotenen God Save the Queen, wurde das Album aus Boots, Woolworths und W.H.Smith verbannt. Die Vorausbestellungen von mehr als 150’000 waren genug um die Platte geradeaus in die Charts als eindeutige Nummer Eins zu bringen. Es war eine Beinah-Wiederholung von God Save the Queen, aber anders als im Juni, dieses Mal war es ein Vollstopp, denn die Gruppe sollte nie wieder zusammen Platten aufnehmen.Dann 1979, die Veröffentlichung des Films The Great Rock’n’Roll Swindle und dem Soundtrack als Doppelalbum. Die Eröffnungsbilder des Filmes von zerlumpten Punks in den Gordon Riots betont erneut die verborgene aber machtvolle englische Tradition von Unordnung, bereits hervorgehoben durch God Save the Queen mit Ergebnissen die weiter nachhallen. ‚Am Ende,‘ sagt Jamie Reid, ‚war es unser Fehler dass wir unsere Ideen nicht gut genug artikulierten.‘ Trotz McLaren’s und Reid’s libertärer Absicht, ging The Great Rock’n’Roll Swindle unter, entsprechend ihrem Wunsch zu zerstören was sie kreiierten verbunden mit dem Zynismus der Zeit.Jamie Reid’s Arbeit demonstrierte die Kraft von graphischem Design in der Musikindustrie und öffnete die Tür für eine starke neue Generation von britischen Designer, deren Absichten unterschiedlich zu Jamie’s war. Sie verwendeten die kreative Freiheit der Musikindustrie als Schaukasten für vitales Design, unbeeinträchtigt von Unternehmens Kompromissen. Ihr Einfluss hat über die Musik hinaus Einfluss auf Mode, Medien und Konsumgüter-Verpackungen.In den folgenden Jahren arbeitet Jamie Reid für politische Bewegungen – die Anti-Kopfsteuer und Anti-Kriminalisierungsgesetz Kampagnen sind nur zwei derjenigen, welche von seinem einzigartigen Stil von visueller Anarchie profitiert haben – und Punk Bands wie die Dead Kennedys. 1989 entwarf Reid das Plakat für das ICA’s (dem Londoner Institut für zeitgenössische Kunst) zurückblickend auf die Situationistische Internationale, welches die Vorderseite von Reid’s und Gray’s Leaving the 20th Century verwendet und die SI von 1957 bis 1972 datiert!Peace is Tough eine Reise-Ausstellung mit Reid’s Arbeiten, startete 1989 als eine Galerie in Tokyo ihn um eine Retrospektive bat. Es war erst die zweite Ausstellung die er überhaupt je getan hatte und er entschied sich diese weiter unterwegs zu halten. 10 Jahre später ist die Ausstellung immer noch in Kunstmuseen zu sehen. Reid sagt Punk ist auch heute noch relevant und die DIY-Idee nie wirklich wegging. Leute müssen hinausgehen und die Dinge selber in die Hand nehmen, besonders ‚Leute die nicht das Privileg von Geld oder Zugang zum Bildungssystem haben‘. Reid’s selbst verlies die Schule im Alter von 16 – in der heutigen Welt würde er vermutlich keine Chance zum Besuch einer Kunstschule haben.

late workHeute ist Reid in die Strongroom Aufnahmestudios in London. Das Projekt wurde um eine Bar, Restaurant und Club erweitert welche sich im selben Gebäude wie die Studios befinden. Reid ist überzeugt, dass die Architektur moderner Arbeitsplätzen nur dazu dient, ‚Dich unterwürfig und unter dem Daumen zu halten‘. Die vibrierenden Farben und die auffallenden Bilder in den Strongroom Studios sind eine direkte Auflehnung gegen diese Idee.
Jamie Reid arbeitet weiter mit Musik und Musikern, und weiterhin ‚fasziniert von den Verbindungen zwischen Töne und Bilder‘.