mittageisen 1981-1986 (2CD)
mittageisen 1981-1986
mittageisen: automaten
mittageisen 1981-1986
Review & Interview zu 2CD
2CD Besprechung
LP Besprechung
mittageisen Artikel
mittageisen Artikel
CD Besprechung
Interview zu CD
CD Besprechung
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Interview zu automaten
mittageisen LP
LP Besprechung
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MITTAGEISEN
Wir wollen nicht Tanzbären spielen
mittageisen im Widder
BLACK online (D), März 2013
Das dosierte Leben /// Reh-Zensionen (D), Juli 2011
DRS3 (CH), Mai 2010
Fördeflüsterer (D), August 2009
Dangereux (CH), Mai 2009
PartyNews (CH), 2008/2009
NeonWave (D), 2005
Schwarze Seiten (D), 05/01
Zillo (D), Mai 1996
intro (D), April 1996
Entry (D), Februar/März 1996
Black Book (D), 1996
Back Again (D), Winter 95/96
LNN (CH), 18.Sept 1985
Apocalypse Now (CH) 4/5/6/1984
Rockerilla (I) 4/1984
Music Scene (CH) 9/1983
CUT (CH), 1983
LNN Magazin (CH), 25.Mai 1983
LNN (CH), 20.April 1982
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mittageisen 1981-1986 (2CD)

BLACK online (D), März 2013

Nach der überaus empfehlenswerten GRAUZONE-Retrospektive ‚1980-1982‘ veröffentlicht das kleine Schweizer Label mital-U in identischer Ausführung als Doppel-CD im Digipack und mit dicken Booklet die Werkschau der Band MITTAGEISEN. MITTAGEISEN waren Anfang der 80er Jahre nicht nur bei der Namensgebung von SIOUXSIE & THE BANSHEES beeinflusst (welche jener Zeit ihre Inspiration für die Single „Metalpostcard/Mittageisen“ von einer berühmten Fotomontage des Dada-Künstler John Heartfield holten), sondern auch musikalisch hat der karge Sound des Post Punk damals in der Schweiz seine Spuren hinterlassen. Die Band um Bruno W (ebenfalls der Mann hinter mital-U) kombinierte jammernde Gitarren, grummelnden Bass, düstere Synthie-Klänge und trockenen Drumcomputer-Rhythmus mit deutschsprachigen und vor allem ausdrucksstarken Texten.
Das erinnert musikalisch natürlich an frühe SISTERS OF MERCY und THE CURE, aber durch den deutschen Gesang wurde das Ganze zu etwas ganz eigenen. Heute nennt man so etwas Dark oder Cold Wave und ihr erstes wie einziges Album aus dem Jahre 1983 wurde zu einem Klassiker für Kenner des Genres. Die zwei Jahre später folgende Maxi „Automaten“ erhielt dann sogar den Ritterschlag durch John Peel, wenn auch der Sound da schon mehr in Richtung Minimal Electro/Synth Pop tendierte. Kurz darauf trennte sich die Band und abgesehen von einem gescheiterten Versuch, 1998 als MITTAGEISEN V.2 in der Techno-Szene Fuss zu fassen, gerieten MITTAGEISEN fast in Vergessenheit.
mital-U steuert dem jetzt entgegen und auf der Doppel-CD ‚1981-1986‚ sind alle Tracks der LP und 12″ im liebevoll remasterten Klang versammelt. Als Bonus enthält das auch optisch ansprechende Package noch 6 bisher unveröffentlichte Songs, die instrumental zum Teil voll in die SISTERS OF MERCY-Kerbe schlagen. Eine perfekte Gelegenheit, sich mal wieder mit dem grauen Sound des ‚kalten Krieges‘ zu beschäftigen und insbesondere natürlich die Möglichkeit, das komplette Oeuvre von MITTAGEISEN sich handlich ins Regal zu stellen.

Marco Fiebag

mittageisen 1981-1986

Das dosierte Leben /// Reh-Zensionen (D), Juli 2011

Homonym:
Mittageisen I: Schweizer Band der 8Oer-jahre mit unten zu beschreibendem Grauzonen-deutsche-Wellen-Style
Mittageisen II:Titelblatt der Arbeiter-lllustrierten-Zeitung vom 19.12.35, made by Johannn Herzfelde, ein Bild mit einer Eisen essenden Familie – subversive Spitze gegen den Göring-Spruch ‚Erz hat stets ein reich stark gemacht, Butter und Schmalz haben höchstens ein Volk fett gemacht.‘
Mittageisen II: Single der unvergleichlichen Siouxsie and the Banshees, auch als ‚metal postcard‘ bekannt.
Die Musik: Eindringlich im Wortsinne; sägende Gitarren, unbeirrbare Rhythmussequenzfolgen, surreale Texte.
‚Wir stehen zusammen im Niemandsland am Ende des 20. Jahrhunderts. Allein – doch nicht einsam. Gefangen in einer Welt voll
Verworrenheit, gemeinsame Wärme löst vereinzelte Gefühle. Unsere Zeit ist gekommen.‘ Wohl wahr; dieses zurückbringen des Lebensgefühls der achtziger Jahre passt 1:1 in die Jetztzeit – grau und bunt zugleich; harmonisch und irritierend gleichermaßen. Herausragend ‚237 Tage‘ mit einem Ulrike Meinhof-Text vor – ja – entsprechender Musikkulisse. Auch ein George Orwell-Text erfährt diese Sonderbehandlung. 19 Lieder pumpen in unser Innerstes, darunter auch die NDW-Düsterblaupause ‚Automaten‘ (Conclusio jeder Zeile: ‚Arbeit, nur für Automaten‘. Unser Höhepunkt aber ist der Song ‚Beständigkeit der Erinnerung‘ – eine einzige Beschreibung eines Katastrophenbildes, stoisch und lapidar vorgetragen. Mittageisen sind nahezu unvergleichbar und die Chance, sich dieses Gesamtwerk zu sichern sollte man sich nicht entgehen lassen.
Werbeslogan: ‚Dadafluxusconcrèterie!‘

Jochen König

mittageisen: automaten

DRS3 (CH), Mai 2010

1984 stand den Musikern die Welt offen: Neue Instrumente ermöglichten neue Stile. Der New Wave bot einen Ausweg aus der Einfachheit des Punks und gleichzeitig boten diverse neue Instrumente tausend neue Möglichkeiten. Als die Luzerner Band mittageisen ihre erste Schallplatte veröffentlichten (1982) suchte man noch nach einem Namen, um diesen Stil zu beschreiben. Als 1984 ihr Song «automaten» erschien, war das Wort da: Darkwave! «automaten» schafften es bis in die Radiosendung von John Peel auf BBC Radio 1. Von 1967 bis zu seinem Tod im Jahr 2004 war die Radiolegende für beinahe jeden Trend Englands verantwortlich. Trotz dieses Erfolges ist mittageisen heute nur noch den Wenigsten ein Begriff. Höchste Zeit, dies zu ändern: Bruno W – Frontmann von mittageisen – erzählt die Geschichte zum Song «automaten».

mittageisen 1981-1986

Fördeflüsterer (D), August 2009

Die Band mittageisen ist fast schon aus dem musikalischen Gedächtnis verloren gegangen, und man muss zugeben, dass das Werken dieser Schweizer Band auch schon lange zurück liegt. Die Gruppe wurde 1981 von Bruno W gegründet und war somit eine der ersten PostPunk-Bands in der Schweiz.
Vielleicht sind mittageisen auch eine der ersten deutschsprachigen Bands gewesen, die sich diesem düsteren Sound verschrieben haben. Dabei gelang es der Band, auch international Beachtung zu finden, und das nicht nur, weil sie Bands wie Propaganda, The Vyllies oder Liliput auf Konzerten begleiteten.
Es hatte sicherlich auch damit zu tun, dass ein Exemplar der Single ‚automaten‘ in die Hände von John Peel gelangte und dieser diese mit Begeisterung spielte. Denn abgesehen von der Sprache klang die Musik von mittageisen eben genau wie die großen Bands aus der Dekade.
Die Sounds waren düster, trostlos und fast schon befremdlich, die Drumcomputer gaben holprige aber subtile Rhythmen aus. Der Bass spielte sich, wie bei dieser Musik üblich, nach vorne, und die Gitarren waren teilweise schneidend. Aber auch die Synthies hielten sich mit fröhlichen Tönen zurück, dazu wurden gerne mal Effekte eingesetzt.
So haben sie eine wirkliche Kälte erzeugt, die man später auf Industrial- und DarkWave-Platten hörte oder damals schon von Bands wie Scritti Politti, A Certain Radio oder Joy Division kannte. Textlich ging es dann auch um eher dunkle Themen und sogar um Betonsockel.
Jetzt hat dass Schweizer Label mital-U dieser Band, die zu der aktiven Zeit eigentlich nur ein richtiges Album aufgenommen hat, ein Doppel-Digipack gewidmet. Darauf enthalten die Songs aus der Zeit 1981-1986.
Diese Aufnahmen wurden noch einmal auf einen modernen Klang gebracht und sind trotzdem noch immer so roh und düster wie möglich gehalten. Das wurde gemacht, um vielleicht die Atmosphäre nicht durch klaren Klang zu verfälschen, was diesen Songs auch gut getan hat.
Man merkt auch, dass diese Band damals schon auf der Höhe der Zeit war und auch heute in das noch nicht abgeklungene Revival passen. Von daher ist der Zeitpunkt dieser Zusammenstellung doch sehr passend. Wer also in seiner Musiksammlung mal mit etwas Exquisitem auftrumpfen will, der sollte bei dieser Compilation von mittageisen zugreifen.

Hauke Heesch

Review & Interview zu 2CD

Dangereux (CH), Mai 2009

News von einer kultigen Schweizer Wave-Band aus den 80ern: mittageisen haben auf dem mital-U Label eine Doppel-CD mit 19 remasterten Songs veröffentlicht. «automaten», schon 1985 national und international ein Hit, wird auch heute gerne in Wave-Clubs gespielt.
Dank dem Remastering klingt alles ein bisschen klarer und eindringlicher: Die monotone Basslinie, die scheppernden Industrial-Drums, die schneidenden Gitarren. Neben den Stücken der ersten LP sind sechs unveröffentlichte Tracks zu finden. Eine melancholische, trostlose Grundstimmung durchzieht das ganze Doppelalbum. Texte über Betonsockel und Niemandsland; Bandfotos, auf denen vor lauter Schwarz fast nichts zu erkennen ist – und genauso tönt auch die Musik.
Bei «Aragon Libertario» trifft ein subtiler Drumcomputer-Rhythmus, wie es ihn nur in den 80ern gab, auf Cure-Gitarren und einen Postpunk E-Bass. Feine Synthiklänge und Soundeffekte, z.B. Hall bei Gitarren, nehmen einem mit auf eine Zeitreise. «Los Solidarios» ist ein purer New-Wave-Song mit Synth-Bass und genialen Gitarrenmelodien/-soli. «Stand der Dinge» verrät Pop-Einflüsse, ist aber dank der sparsam eingesetzten Chorus-Gitarre und dem Minimal-Synthi ein typisches mittageisen-Stück. Die Erstpressung des Doppel-Digipak ist auf 500 Exemplare limitiert. Wer einen Schweizer Wave-Klassiker in seiner CD-Sammlung haben möchte, sollte zugreifen. Eine Fülle an mittageisen-Infos ist auf mital-U zu finden.
Interview mit Bruno W
Wenn man dich 1981 gefragt hätte, was New Wave bedeutet bzw. ausmacht, was hättest du damals geantwortet? Was es für dich nur ein Musikstil oder auch eine Lebenseinstellung?
Für mich war es mehr als nur ein Musikstil. Aus Punk entstand Postpunk, eine Bewegung die mit Traditionen brechen wollte und die Chance nutzen – im Aufwind der musikalischen ‚Kulturrevolution‘ von Punk und New Wave – Neues und Eigenständiges zu schaffen. In dieser äusserst kreativen Zeit entstanden viele stilbildende Bands, Plattenlabels (wie z.B. Rough Trade, Mute, Fast Product, Factory, Some Bizarre, Cherry Red) sowied Fanzines/Musikzeitschriften, welche die folgenden Musikjahre prägen sollten. In den Jahren 1977-84 wurde v.a. im Rahmen von Postpunk die Basis für die späteren Musikstile wie Synth-Pop, Goth, Industrial, Techno gelegt.
Der Schweizer Punk der 80er ist seit der Publikation von ‚Hot Love Swiss Punk and Wave 1976-1980‘ wieder vermehrt in die Öffentlichkeit gerückt. Welche Rolle hast du damals in der Szene gespielt, die in diesem Buch beschrieben wird?
Nachdem ich von Punk in London gehört hatte, bin ich 1978 für zwei Wochen nach London und habe mich dort von der musikalischen Aufbruchstimmung anstecken lassen. Dabei hörte/sah ich neben den Clash und Adverts auch Siouxsie & the Banshees und Suicide. Zurück aus London begann ich für einzelne Fanzines zu schreiben. So habe ich zusammen mit Paul Ott und Marco Repetto (damaliger Schlagzeuger von Glueams, später bei Grauzone) für SONDERNUMMER geschrieben und dieses auch mitgestaltet. Parallel dazu ergaben sich erste Kontakte zu CH-Punks, so auch zu CRAZY, für die ich die erste Swiss-Punk LP (wie auch später deren EP) produzierte. Entsprechend bin ich im genannten Buch (Hot Love – Swiss Punk and Wave) auf den Fotos zu den Studio-Aufnahmen von CRAZY auf Seite 34 und 35 mit abgebildet.
Was war der Ausschlag, die Band mittageisen zu gründen? Die Suche nach neuen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten?
Schon 1979 begann Punk zu einer Parodie seiner selbst zu werden. Die populistischen ‚echten Punks‘ kopierten nicht nur musikalisch die Sex Pistols und bildeten zugleich die Basis für die entstehende Oi!-Bewegung, während die eher künstlerisch Ambitionierten Punk als Chance betrachteten mit der von Kommerz gesteuerten Entwicklung der Musik brechen und etwas Neues/Unabhängiges zu kreieren. So entstand Postpunk mit Bands wie PIL, Joy Division, Wire, Siouxsie & the Banshees, welche neue musikalische Möglichkeiten ausprobierten. Diese Haltung, wie auch die Musik der genannten Bands, waren der Auslöser für die Gründung von mittageisen im Jahr 1981.
Was waren eure musikalischen Vorbilder?
Vorbilder im Sinne von neu/einzigartig waren die genannten Gruppen, jedoch war für mich von Anbeginn klar, dass wir eine eigene musikalische Identität entwickeln wollten.
Wie kam es dazu, dass John Peel auf mittageisen aufmerksam wurde?
Ein wichtiger Aspekt von Punk resp. Postpunk war die Independent-Philosophie, d.h. unabhängig von primär kommerziellen Zwängen gesteuerten Musikindustrie eigene musikalische Wege zu gehen. Entsprechend haben wir von Anbeginn (bis heute) die Platten immer selber produziert und mit anderen Indie-Labels/Vertriebspartner kooperiert. So sendeten wir jeweils unsere Platten auch an Indie-Labels in Britannien, welche wiederum vor Ort für die weitere Verbreitung, u.a. an Radio-Stationen, sorgten.
Bis zu seinem (zu frühen Tod) 2004 hat John Peel in seiner BBC1 Radio-Show die Musik vieler, nicht nur britischer, Bands einem breiteren Publikum bekannt gemacht. Nach Kleenex/Liliput waren wir damals eine der ersten CH-Bands, die von ihm gespielt wurden, was für uns eine ‚Ehre‘, aber vor allem auch eine Bestätigung unseres bisherigen Weges war.

«automaten» gehört zu den bekanntesten Schweizer Wave-Songs der 80er. In welcher Stimmung habt ihr euch befunden, als ihr den Song geschrieben habt?
Der Song ist eigentlich eine Remix-Version der Aufnahme eines Songs, welchen wir neu aufgenommen und abgemischt hatten, dieser jedoch nicht unseren Vorstellungen entsprach. So bin ich einige Wochen später mit den Studio-Bändern nach Köln zum Studio von Detlev Kühne und Tom Dokoupil gefahren und hab zusammen mit den Beiden den Song in einzelne Sequenzen zerlegt und neu zusammengestellt.
Der Text dazu, wie auch alle anderen, entstand aus meiner persönlichen Stimmung kombiniert mit der Musik, welche in einer Rohversionen vorlag und bei mir entsprechende Bilder/Filmsequenzen auslöste, die ich dann beschrieb. Die Musik zu den einzelnen Songs wurde jeweils, basierend auf der Songidee eines Einzelnen, mehrheitlich gemeinsam entwickelt.
Wenn man das Booklet zur neu erschienenen Doppel-CD studiert, stösst man unter anderem auf Dali, Dadaismus und George Orwell. Die Songtexte befassen sich mit Absurdität und Trostlosigkeit. Hat euch diese Thematik damals speziell fasziniert, oder war es einfach Ausdruck des Zeitgeistes?
Es war ein Zeitgeist der für uns/mich passte. Mich haben Dadaismus mit dem Cabarat Voltaire, Surrealismus, wie auch Situationismus und andere libertäre Bewegungen schon vor Punk interessiert. Postpunk hat viele Ideen daraus adaptiert und auf der Ebene Musik umgesetzt und weiter entwickelt.
Ist das Projekt mittageisen v2 im Moment noch aktiv? Sind Konzerte geplant?
mittageisen v2 war/ist ein Electronica-Projekt von mir mit wechselnden Musikern/DJs. So u.a. Marco Repetto (ex-Grauzone, heute Techno-/Ambient-DJ). Weitere Aktivitäten waren ein Remix-Projekt für die Luzerner Musikerin toini, zur Zeit ist jedoch nicht Neues vorgesehen. Wenn, dann eher im Rahmen von Musik-Produktionen.

Sheetthief

2CD-Besprechung

PartyNews (CH), Dezember-Januar 08-09

ARBEIT, NUR FÜR AUTOMATEN – In den 80ern arbeiteten in der Schweiz verschiedene Bands mit Maschinen. Darunter die Luzerner Mittageisen, die nun mit der Retrospektive mittageisen 1981-1986 remastered aufwarten.
In den 80er Jahren experimentierten mehrere Schweizer Bands aus der Post-Punk-Szene mit Elektronik. Die Berner Grauzone, deren «Film 2» von DJs wie Hell und Glimmers auf Mix-CDs verewigt wurde und deren Ex-Mitglied Stephan Eicher zuerst als Noiseboys, dann unter seinem eigenen Namen stark auf Synthies und Rhythmusmaschinen setzte. Desgleichen die Zürcher Yello. 1980-85 hatten diese ihre kreativste Phase, die sie in die Nähe von Kraftwerk und Yellow Magic Orchestra rückte. Weitere Beispiele sind Starter aus Bern, El Deux aus dem Aargau (mit Instrumentals wie «Gletscher» von 1983), etwas später Touch El Arab aus Basel, deren «Muhammar» von 1987 ein Nummer-4-Hit in der Schweiz war – heute ist Christoph Müller mit Gotan Project ein Star). Weiters UnknownmiX aus Zürich, deren 89er-Tune «The Siren» vor zwei Jahren von Playhouse mit Remixen von LoSoul und Jahcoozi wiederaufgelegt wurde.
Auch mittageisen (mit kleinem m) leisteten mit Synthies und Drum-Machines, Bass und Gitarre, Grosses (mit grossem G). Ihren Durchbruch landeten mittageisen 1985 mit dem Indie-Dance-Hit «automaten». Mit Zeilen wie «Im Strassenlärm, die schweigende Mehrheit/Warten an der Endstation/Arbeit, nur für Automaten» passte der düstere Song ideal in die damaligen Dark-Wave-Zeiten. Wie Kleenex einige Jahre zuvor, war der Titel einer der wenigen Schweizer Songs, die von John Peel selig auf BBC1 gespielt wurden. Cure, Bauhaus, Siouxsie & The Banshees, Joy Division und Wire waren um die Jahrzehntwende 70/80 englische Bands, die einen starken Einfluss auf die Innerschweizer ausübten. Allerdings sangen diese deutsch, ähnlich wie es zu jener Zeit DAF und Einstürzende Neubauten taten.
Sänger und Texter, Synthie-Spieler und Rhythmus-Maschinen-Programmierer Bruno W war mit Bands wie Velvet Underground, den frühen Roxy Music, Kraftwerk und Neu! musikalisch aufgewachsen, ehe er das erste Album der Luzerner Punk-Band Crazy produzierte und 1981 mit mittageisen eine eigene Band ins Leben rief. Bruno W: «Wir waren und wollten nie eine lokale oder nationale Szene-Band sein, sondern primär unseren eigenen musikalischen Weg gehen. Dabei ergaben sich auch Kontakte zu anderen Schweizer Bands. Aufgrund der gemeinsamen Herstellung und Herausgabe des Fanzines «Sondernummer» entstand schon früh eine Zusammenarbeit mit Grauzone-Mitgliedern, wobei ich zu Einzelnen bis heute freundschaftlich verbunden bin. Ansonsten lag unsere musikalische Messlatte bei den Wave-Bands aus Grossbritannien.»

Arnold Meyer

LP-Besprechung

NeonWave (D), 2005

mittageisen; schweizer düster-düster-dunkel-schwarz-new wave von feinsten. hier das zweite album mit gleichnamigen werk mittageisen. es beginnt mit track anfang – name ist programm, um dich gleich völlig mit persistance de la memoire wegzuschiessen. da macht depressiv sein doch (wieder?) spass. ein wahrer genuss ist diese scheibe. bist du eben noch lustig drauf, schnall dir das mittageisen ans ohr; den es geht gleich weiter mit wir; dem für mich besten track den mittageisen jemals komponiert hat. weiter mit traum in die dunkelheit; dem zweitbesten stück dieses brachialwerkes. spätestens jetzt ist man völlig am boden, aber es bleibt einem keine zeit; man muss nun die platte wenden um sich weiter den ‚grausamkeiten‘ hinzugeben. die stimme von markus s. steht dem gesamtbild gut zu gesicht. zu empfehlen wäre auch noch die automaten 7“/12“, welche zwei jahre später erschienen ist. ach was rede ich – lohnt sich alles!

Jörg

mittageisen Artikel

Schwarze Seiten (D), 05/01

mittageisen ist eine New Wave Band aus der Schweiz, die im gleichen Atemzug mit Grauzone, Malaria oder Abwärts genannt werden kann. Ich kam 1984 zu mittageisen, ein Freund hat Mitglieder der Band in Spanien kennengelernt, Adressen getauscht, Platten geschickt und einige Songs wurden Highlights auf unserem Mix-Tape. Irgendwann wurde das Tape gammelig und man holte es nur noch zu ganz besonderen Anlässen raus.

Fünf Jahre später im WWW, die Suchmaschine spuckt Ergebnisse aus: mittageisen ist auf dem Label mital-U. Endlich Informationen zur der Band, die immer als mein Geheimtipp gehandelt wurde.

Die Gruppe wurde 1981 von Bruno W – nach verschiedenen Punk-Aktivitäten (u.a. Produktion der 1. Swiss-Punk LP) – initiiert. Neben diversen Konzerten – auch mit andern Bands wie Liliput, Blue China, Vyllies und Propaganda – wurde mittageisen vor allem durch die Veröffentlichung ihres 1.Albums zu einer der profiliertesten Swiss-Wave Band! Neben Grauzone’s ‚Eisbär‘ ist die mittageisen-LP ein wichtiger CH-Beitrag zur deutschsprachigen Wave-Szene!

Siouxsie & the Banshees Fans wird der Name mittageisen nicht unbekannt sein, mittageisen ist auch ein Titel von Siouxsie. Dieser Song ist Inspiration bei der Namensfindung. Den anderen Grund nennt Bruno W auf seiner Homepage: mittageisen basiert auf einer Fotomontage von John Heartfield aus dem Jahre 1934. Diese Bild wurde als Titelblatt für die ‚Arbeiter-Illustrierten Zeitung‘ vom 19. Dezember 1935 verwendet. Heartfield (1891 – 1968) war ein frühes Mitglied vom Club Dada in Berlin. Das Bild mit dem Original-Titel ‚Hurrah, die Butter ist alle‘ zeigt eine Familie, welche Eisen verzehrt! Der Auslöser dazu war folgender Satz einer Göring-Rede: ‚Erz hat stets ein Reich stark gemacht, Butter und Schmalz haben höchstens ein Volk gemacht‘.

In meinen Händen halte ich, nach einigen E-Mails, die CD … alles ist anders … nichts hat sich geändert …. Wirklich, es hat sich nichts geändert, im Grossen und Ganzen habe ich mein altes Tape wiederkannt. Das ist New Wave der ersten Stunde, trockene Keybordbeats, spärlich verteilte Gitarren, nur vergleichbar mit den Clubsounds der 80ziger: (Cabaret Voltaire, Spizz Oil, Tubeway Army) und die der guten Neuen Deutschen Welle irgendwo bei Fehlfarben und Grauzone.

Herausragend ist jedoch der Song ‚Persistance de la Mémoire‘ aus meiner ewigen Bestenliste ist Track 3 auf der CD. Es wird eines der bekanntesten Bilder Dalis in New Wave verpackt: persistance de la mémoire oder ‚wie real ist ein surreales Bild von Salvador Dali‘?

JA ich weiss, es ist pure Nostalgie, aber trotz alledem gehört mittageisen zu den Wegbereiter für Bands wie Project Pitchfork oder In Strict Confidence.

Jörg

mittageisen Artikel

Zillo (D), Mai 1996

alles ist anders … nichts hat sich geändert, so der wohlfeil formulierte Titel einer Compilation der Schweizer New-Wave Helden mittageisen. Eine Zusammenstellung von Musiktiteln, die ihre Geburtsstunden in den Jahren zwischen 1981 und 1986 hatten. Jede Generation hat ihre Musik. Und so, wie Leute, die ihre Jugendblüte Mitte bis Ende der 60er Jahre hatten und noch heute für die Beatles oder/und Rolling Stones schwärmen, so tritt dieser Nostalgie-Effekt in puncto mittageisen wohl auch bei den Menschen auf, deren Jugend in den 80er Jahren stattfand.

mittageisens nostalgisch behaftete Songperlen erzeugen auf erwähntem Sampler das gleiche Gefühl, das einen durchfährt, wenn man nach langen Jahren der Trennung einen alten Freund wiedertrifft. Im Zuge der damaligen Neuen Deutschen Welle tummelten sich mittageisen neben Bands wie Grauzone, Malaria oder Abwärts
im Untergrund dieser Bewegung.
Die Ambivalenz von Kälte und Wärme, das Zusammenspiel von Synthesizer und Gitarre in den mittageisen-Stücken ist typisch für die damalige Zeit, in der in den Stücken noch keine Materialschlachten stattfanden, wo trotz minimalistischer und melancholisch gefärbter Grundstimmung eine positiva Aura herrschte.

Zillo blickt mit mittageisen-Kopf Bruno W auf alte Zeiten zurück und richtete den Blick in die Zukunft.
Siouxsie & the Banshees Fans wird er Name mittageisen nicht unbekannt sein, pressten sie doch einen Titel gleichen Namens auf Tonträger. Dieser Song war ein Quell der Inspiration bei der Namensfindung. Den andern Grund nennt Bruno:
„mittageisen basiert auf einer Fotomontage von John Heartfield aus dem Jahre 1934. Diese Bild wurde als Titelblatt für die ‚Arbeiter-Illustrierten Zeitung‘ vom 19. Dezember 1935 verwendet. Heartfield (1891 – 1968) war ein frühes Mitglied vom Club Dada in Berlin. Das Bild mit dem Original-Titel ‚Hurrah, die Butter ist alle‘ zeigt eine Familie, welche Eisen verzehrt! Der Auslöser dazu war folgender Satz einer Göring-Rede: ‚Erz hat stets ein Reich stark gemacht, Butter und Schmalz haben höchstens ein Volk gemacht‘.“
Mehrere Probleme führten zur offiziellen Auflösung der Band:
„Wir hatten die ganze Zeit Wechsel, Leute gingen und kamen, im Prinzip waren wir von Anfang bis Ende eigentlich nur zu Zweit. Zuletzt haben sich unsere musikalischen Ideen auseinander entwickelt. Dann gab es auch noch Probleme mit der Plattenfirma. automaten hatten wir damals zuletzt als Single rausgebracht.
Eigentlich wollten wir anschliessend noch eine LP machen, aber bei der Finanzierung hat es dann Probleme gegeben, die Firma wollte nur sehr wenig vorfinanzieren.“
Naheliegend ist die Frage, welche Parallelen Bruno zwischen der heutigen Wave-Szene und der damaligen Szene sieht und was sich seiner Meinung nach grundlegend geändert hat.
„Geändert hat sich, dass sehr viele verschiedene Szenen entstanden sind. Zuerst gab es Punk und dann New Wave. Das hat sich inzwischen in viele verschiedene Szenen aufgesplittet. Für mich hat die Techno-Sache ziemlich gute, neue Impulse gebracht. Auch sonst gibt es wieder viele gute Sachen. Man spricht manchmal vom New-Wave Revival. Das ist vielleicht zu früh oder auch falsch, aber ich finde die Szene zur Zeit sehr gut. Als wir uns vor Jahren aufgelöst haben, da war es jedenfalls sehr mühsam.“
1994 fasste Bruno den Beschluss, mittageisen wieder zu reanimieren, da „ich in mir selber und durch die Musikszene das Gefühl habe, es bewegt sich wieder etwas, es ist wieder was möglich.“
Mit neuem mittageisen-Material ist gegen Ende 1997 zu rechnen, zur Zeit arbeitet Bruno noch daran: „ich mache zur Zeit viel mit dem Computer, damit ich schon mal einen Grundentwurf habe. mittageisen ist heute keine Band mehr, sondern ein Projekt von mir und verschiedenen Personen.“
Zur stilistischen Marschroute meint Bruno: „Es knüpft an automaten an.“
Wer noch mehr über mittageisen wissen will, hat die Möglichkeit, über das World-Wide-Web eine mittageisen Home-Page anzuwählen, welche Band-Biographie, Discographie, Sound- & Video- Files, Reviews, Fotos, Texte und mehr bereit hält.

Frank Rummeleit

CD Besprechung

intro (D), April 1996

Eine Schweizer Formation, die in den 80er Jahren neben GRAUZONE zu den wichtigsten Vertretern des deutschsprachigen New Wave gehörte. Mit ‚alles ist anders … nichts hat sich geändert‚ wird Material aus den Jahren 1981-86 auf CD wiederveröffentlicht, wobei sich unter den 14 Tracks zwei bisher unveröffentlichte Stücke und eine neue Radio-Version von ‚automaten‚ befinden. Auch wenn die Songs bereits mehr als ein Jahrzehnt auf dem Buckel haben, so kommt diese CD keinesfalls altbacken daher. Weder Musik noch Texte haben an Aktualität eingebüßt. Mit Synthesizer, Gitarre und Bass kreieren mittageisen einen Sound, der sich vor heutigen Veröffentlichungen nicht verstecken muß und für die damalige Zeit erstaunlich fortschrittlich war.
Teilweise erinnert die Musik etwas an KRAFTWERK (‚automaten‚), ein Stück wie ‚Neues China‚ dagegen würde heute sicher unter dem Modebegriff ‚Ambient‘ gehandelt. Auch die Texte wissen zu überzeugen.

ironman

Interview zu CD

Entry (D), Februar/März 1996

In der Schweiz werden sie längst zu den Vorzeigebands und Aushängeschildern der New Wave Bewegung gezählt. Spätestens jetzt, mit der Veröffentlichung ihrer CD alles ist anders … nichts hat sich geändert, die Aufschluss über verschiedene Phasen ihres Schaffens gibt, setzt die bedeutende Waveband der Alpenrepublik an, ihren Bekanntheitsgrad auch in Deutschland zu vergrössern.
Musikalisch setzen sie auf eine Melange aus Synthesizer und Gitarren, in die sparsam-kalkulierte Bassläufe und der kalte Sound der elektronischen Rhythmusmaschine zu einer
pathetischen Einheit fusionieren. Das Resultat ist eine warme und düstere Atmosphäre die nostalgische Gefühle entstehen lässt, denn der packenden und faszinierenden Stimmung von Stücken wie automaten oder persistance de la mémoire kann man sich auch nach mehr als zehn Jahre ihrer ursprünglichen Entstehung kaum entziehen. Der vorliegenden Zusammenstellung ihres musikalischen Schaffens zwischen ’81-’86 wurden zudem zwei unveröffentlichte Stücke, als auch die Radioversion von ihrem Hit automaten zugefügt. Das folgende Interview entstand aus organisatorischen Gründen auf dem Postweg. Für mittageisen antwortete der musikalische Kopf der Gruppe und Sänger Bruno W, der sich auch für
die kritischen Texte verantwortlich zeigt.
E: Erzähl doch bitte mal was zu dem musikalischen Werdegang der Band. BW: Musikalisch aktiv bin ich seit ’78 mit dem Aufkommen der Punk-Bewegung. Fanzine-Schreiber und Macher (u.a. zusammen mit Marco R. von Grauzone Herausgabe der ‚Sondernummer‘, siehe dazu auch das rororo-TB: ‚Wir waren Helden für einen Tag‘). Produzent der 1.CH Punk-LP (Crazy) sowie deren 2. (und letzten) Platte, häufige Konzert-Besuche in der Schweiz und London. Bei diesen Aktivitäten Kontakt zu den künftigen Mitmusiker von
mittageisen. Gründung der Band mit dem Ziel Musik mehr im Stil von Joy Division, frühe Cure und Banshees, Cabaret Voltaire, etc. zu machen. Veröffentlichung von Platten sowie diverse Konzerte u.a. mit Propaganda, Lilliput, Vyllies, Blue China, etc.. Diverse personelle Wechsel (Besetzungen siehe CD-Rückseite) bis zum Ende im Jahr 1986 aufgrund interner (über künftigen Musikstil) und externer (Platten-Firma) Probleme.

E: Dem Presseinfo konnte ich entnehmen, dass vor allem bei uns eine Nachfrage nach Eurer Musik besteht. Ich hatte jedoch eher den Eindruck, dass Ihr hier weniger bekannt seid. BW: Diese Aussage bezog sich auf die Veröffentlichung der LP und Maxi im ’83 respektive ’85. Im Vergleich zu anderen Schweizer Bands hatten wir mehr Platten in Deutschland verkauft als in der CH.
E: Wie kam es zu der CD-Veröffentlichung, auf der sich ja vor allem älteres Material befindet? Sind sämtliche alten Platten vergriffen? Die automaten-Maxi z.B. tauchte unlängst in einer 2nd-Hand Liste für DM 55 auf. BW: Da die Platten seit 1991 nicht mehr erhältlich sind und immer wieder Anfragen v.a. auch
aus Deutschland kamen.

E: Welche Veröffentlichungen gibt es bereits von Euch und gibt es Pläne, diesen Backcatalogue zu veröffentlichen? BW: Dez.81: Tape im Niemandsland am Ende des 20.Jahrhunderts, März 83: LP mittageisen, Jan.85: 12″ und 7″ automaten, Jan.95: CD alles ist anders … nichts hat sich geändert. Zum Backcatalogue: Ausser
der CD sind keine Wieder-Veröffentlichungen geplant.

E: Was passierte zwischen 1986-1994? Gab es irgendwelche Veröffentlichungen? BW: Platten von mittageisen gab’s in dieser Zeit keine, da sich die Gruppe ’86 auflöste. Ich war jedoch insofern aktiv als ich eine Compilation-CD der bereits genannten Punk-Band veröffentlichte, sowie zusammen mit Markus S (Gitarrist
aus den mittageisen-Anfängen) Wave-Discos und Projekte durchführte, so zuletzt Teilnahme an der ars electronica ’95 in Linz mit einem Videobeitrag.

E: Die CD ist in der Schweiz bereits vor einem Jahr erschienen. Wie kommt es, dass Ihr mit Subtronic erst jetzt eine deutsche Lizensierung bekommen habt? BW: Die CD wurde in der Schweiz Ende’94 veröffentlicht und in Deutschland Ende’95. Die Gründe liegen darin, dass wir die 1. Hälfte’95 dazu nutzten einen geeigneten Vertriebs-Partner in Deutschland zu finden.
E: Wie kommt es, dass Ihr nach so langer Pause wieder aktiv seid? BW: Die CD-Veröffentlichung ist eine erste Musik-Produktion von mital-U! Die CD ist ein Rückblick und musikalischer Neuanfang … wobei nicht mehr als Band mit festen Mitgliedern,
sondern als Projekt mit unterschiedlichen Leuten.

E: Wird man Euch in Deutschland mal live sehen können? BW: … aus genanntem Grund nicht mehr als Band, jedoch je nach Inhalt und Rahmen bei entsprechender Gelegenheit gerne.
E: Aus welchen Gründen habt Ihr den Bandnamen mittageisen gewählt, welcher auf eine Fotomontage von John Heartfield zurückgeht, der in den 30ern gegen das Hitlerregime kämpfte? BW: 1981 aus Sympathie mit Siouxsie & the Banshees (Single mittageisen) sowie John Heartfield und seiner Arbeit wie auch der Bewegung Dada in der Heartfield zu Beginn ebenfalls aktiv war … und weil’s ein nicht 08:15 Namen ist!
E: Versteht Ihr Euch bewusst als politische Band? BW: Nein … jedoch insofern als alle Personen/Bands als Teil eines politischen Systems auch eine Rolle darin spielen, welche das ist jedem selber überlassen!
E: Wie erklärt Ihr Euch, dass die Waveszene, deren Ursprünge ja hochpolitisch waren, heute eher unpolitisch geworden ist? BW: Ich denke nicht mehr als früher, damals war es ein Teil des Images, entsprechend oft auch unehrlich.
E: Wie beurteilt Ihr die Entwicklung der Szene? BW: … schade dass nicht mehr mittageisen an Radio und TV gespielt wird … im Ernst: Realität ist, dass eine Aufsplittung von wenigen in viele Szenen stattgefunden hat, mit zum Teil unnötigen Abgrenzungen. Aber was soll’s, wie eine grosse chinesische Katze mal gesagt hat: ‚lasst hundert Blumen blühen‘!
E: Welche Musik bevorzugt Ihr privat? BW: Viele verschiedene Bands: Seit ’72 Roxy, Bowie, Velvet Undergound, dann ab ’78 New Wave-Bands wie Banshees, Joy Division, Cure, Sisters, Wire etc. Highlights heute: von Pulp bis Leftfield aber auch immer wieder Morrissey und Jesus & Mary Chain !
E: In einem Zeitungsartikel wird behauptet, dass automaten und die anderen ’85er Stücke nichts mehr mit dem düster-melancholischen
Stil Eurer frühen Tage gemeinsam haben. Da kann ich überhaupt nicht zustimmen, Ihr? BW: Nein … die Aussage bezog sich v.a. auf die Musik welche im Gegensatz zu frühen mittageisen Stücken bewusst tanzbar ‚komponiert‘ wurde.
E: In Euren Texten habt Ihr immer ein düsteres Bild von der Gesellschaft gezeichnet, aber auch die Hoffnung auf Veränderung zum Ausdruck gebracht. Wie kommt es, dass Ihr gerade von so einem pessimistischen bzw. realistischen Stück wie ‚persistance de la mémoire‘ eine Neufassung aufgenommen habt? Ist das vielleicht auch ein Zeichen von Resignation? BW: Weil’s ein guter Song ist, die Basis-Tracks waren aus den letzten unveröffentlichten mittageisen-Aufnahmen (1986) noch vorhanden und wurden im für die CD neu bearbeitet sowie mit neuem Text (Aenderungen beachten !) und Stimme versehen. Resigniert? Nein … im Gegenteil, Motivation und Energie für neue Projekte sind mindestens soviel wie früher vorhanden. Das einzige Problem alle Ideen umzusetzen ist die – beruflich bedingte – fehlende Zeit.
E: Was wollt Ihr mit den bewusst in Deutsch gehaltenen Texten – die somit jeder verstehen kann – erreichen? BW: Dass sie verstanden werden! In dieser Form könnte ich mich in englisch nie ausdrücken, obwohl ich die Sprache und das Land sehr mag.
E: Wie kamt Ihr auf die Idee, einen Brief von der RAF-Aktivistin Ulrike Meinhof musikalisch umzusetzen, die zu dem Entstehungszeitpunkt des Briefes in Isolationshaft gehalten wurde? BW: Weil Ulrike Meinhof und ihr Weg einen faireren Umgang verdient hätten/haben!
E: In automaten geht es um die Angst vor rasanter technischer Entwicklung (oder?). Wie verträgt sich das mit Euren Plänen, eine HomePage im WorldWideWeb einzurichten? BW: Nein, es geht um die Situation, dass viele Menschen wie Automaten funktionieren … Technik ist ’nur‘ ein Hilfsmittel welches von Menschen
für die Umsetzung der Ziele/Ideen eingesetzt wird.

E: Soweit meine Fragen. Liegt Euch noch was auf dem Herzen? BW: Ich denke für’s Erste ist’s genug … investiert ein paar Mark in die mittageisen-CD und Ihr habt den Soundtrack zum Interview. Ansonsten ab Mitte Januar könnt Ihr über die WWW-HomePage unter www.mital-u.ch/mittageisen die Diskussion weiterführen. Vielen Dank für das Interesse, bis bald!

An dieser Stelle bedanke ich mich bei Bruno W und bei Manuela von Subtronic für die vielen Mühen. Beim Lesen der Antworten sind bei mir – wie soll es auch anders sein – natürlich einige Zusatzfragen aufgetaucht, z.B. bezüglich der neuen Projekte von ihm, aber dann werde ich das nächste lnterview wohl über’s Internet führen! – Ich hoffe, dass bei dem einen oder der anderen durch das Interview Interesse an mittageisen geweckt wurde. Ansonsten:
Gefangen in einer Welt voll Verworrenheit
gemeinsame Wärme löst vereiste Gefühle
Unsere Zeit ist gekommen

In diesem Sinne.

Lambert Schulze

CD Besprechung

Black Book (D), 1996

Bislang etwas zu kurz gekommen bei den CD-Vorstellungen im BB ist sicherlich das Dortmunder Elektronik-Label Subtronic. Dies ändert sich glücklicherweise ja jetzt mit der Vorstellung der mittageisen-CD, eines jener Werke, die jedem DarkWave/Gothic-
Nostalgiker eine Gänsehaut über den Rücken jagt, denn bei alles ist anders … nichts hat sich geändert handelt es sich um die
Wiederveröffentlichung des Materials der Schweizer Gruppe aus den Jahren 1981 bis 1986 in denen mittageisen eine LP, eine Single und eine Maxi veröffentlichten.
Es ist eigentlich egal, ob man die Songs von früher kennt – z.B. ihren mittlerweile in Sammlerkreisen hochgehandelten U’ground-Hit automaten – oder ob man vorher noch nie etwas von ihnen gehört hat. mittageisen erinnern fast zwangsläufig an die frühen Achtziger Jahre. Musikalisch sind sie daher auch neben ihren Landsleuten Grauzone oder auch the Cure zu ihrer ‚Play for today‘ -Phase einzuordnen. Auf der mittageisen-CD dominieren ebenfalls melancholische E-Gitarrren und monotone Beats aus dem Drumcomputer das Soundbild. Die Depression und der Pessimismus, den das Werk ausstrahlt, wirken auf mich jedenfalls wesentlich authentischer als der vordergründige Pathos vieler Dark-Wave Acts der jüngeren Generation.

Uwe Marx (Aeterna Magazin, Mystic Party)

CD Besprechung

Back Again (D), Winter 95/96

Als ich vor einigen Jahren durch Zufall die automaten Single der Schweizer Band mittageisen aus den frühen 80ern in die Finger bekam, war ich völlig fasziniert von dem düsteren New Wave Sound, der ein wenig an Grauzone erinnerte. Auf der Suche nach mehr Material dieser Band überspielte mir ein Freund eine 1982er LP und 1994 wurde diese LP auf CD wiederveröffentlicht, mit einigen Bonustracks von Singles. Dieses Album gehört mit Sicherheit zu den besten und wichtigsten New Wave-Werken aus der Schweiz überhaupt. Minimalistische elektronische Rhythmen werden mit einer häufig an einen Zahnarztbohrer erinnernden Gitarre und nihilistischen deutschsprachigen Texten verbunden, so dass die typische Atmosphäre der beginnenden 80er Jahre rübergebracht wird, man fühlt sich ein bisschen an das ‚Berlin-Mauerstadt‘-Bild erinnert, wie es zum Beispiel im Film ‚Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo‘ rübergebracht wird, Trostlosigkeit, grauer Beton, Perspektivlosigkeit… Neben dem Titel automaten (in zwei Versionen), bestechen besonders die Songs ‚Dunkelheit‘ und am allermeisten ‚237 Tage‘, bei dem als Text ein Brief von der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof aus der Zeit ihrer Isolationshaft 1972/73 verwendet wurde. Düsterer geht es wohl kaum noch!
mittageisen waren eine absolut unterbewertete Band, die es immer wieder zu entdecken gilt, denn sie hatte etwas zu sagen. Für den durchschnittlichen NDW-Hörer wohl zu düster, aber wer seine Ohren auch depressiveren Klängen öffnet, kann hier ein Meisterwerk entdecken.

A.P.

Interview zu automaten

LNN, 18.Sept.1985

Das Schweigen ist zu Ende: Zwei Jahre nach dem vielgelobten Debutalbum meldet sich eine der eigenwilligsten CH-Bands mit der Single automaten zurück.
‚Hurra, die Butter ist alle‘ betitelte einst John Heartfield eine seiner kritischen Collagen. 40 Jahre später erscheint das Bild auf dem Umschlag der Siouxsie & the Banshees-Single Metal Postcard/Mittageisen, was wiederum vier Luzerner Musiker zu ihrem Gruppennamen inspiriert hat.

Nach zweijähriger Pause sind mittageisen mit einer Single ins Rennen gestiegen, die anders klingt als alles was man von der Formation bisher gehört hat. Auf automaten erinnert nichts mehr an den schweren, etwas pathetischen Sound vergangener Tage.
Während viele Luzerner Musiker vorwiegend durch Misserfolge und faden Klatsch von sich reden machen, sind mittageisen auf dem bestem Weg, mit überraschend eingängigem Sound, Techno-Süchtige und Discotheken-Gänger zu begeistern.
automaten avancierte gleich nach Veröffentlichung zur ‚Platte der Woche‘ in der DRS 3-Rocksendung ‚Sounds‘. Und die Chancen stehen gut, dass sich das Stück zum Hit entwickelt.
In der heutigen Besetzung mit Bruno W (Synthesizer, Rhythmus, Stimme), Markus St (Bass), Manuela H (Synthesizer) und Daniel S (Gitarre) hat sich die Gruppe ein Repertoire aus älteren und neuen Songs erarbeitet, das für die Zukunft einiges verspricht. So bemerkt Textschreiber Bruno W, dass eine neue LP stilistisch ein Bindeglied zwischen dem Debutalbum und dem ‚Techno‘-Sound von automaten darstellen würde. Das Instrumentalstück ‚Neues China‘ (auf der Single-Rückseite) erinnert in seiner Verträumtheit wirklich eher an 1983.
mittageisen-Texte sind nicht englisch, sondern deutsch. Das bringt sicher ein besseres Verständnis des automaten-Textes, der als Angst und Frustration vor der technologischen Uebermacht interpretiert werden kann. Doch Bruno W klärt dieses Missverständnis gleich auf: Ich fürchte mich nicht vor neuen Technologien; höchstens vor der Unwissenheit und Manipulierbarkeit der breiten Masse.
LNN: Du singst in deutscher Sprache. Mir scheint, dass viele Musikkonsumenten deshalb englisch gesungenen Songs den Vorzug geben, weil…
Bruno W: … die Sprachbarriere sie davor schätzt, sich mit einem Text auseinandersetzen zu müssen. Texte sind für mich persönliche Statements und genauso wichtig wie die Musik.
LNN: Der neuen Single geht die Romantik der älteren Stücke ab. Jetzt klingt alles harter, politischer …
BW: Nicht unbedingt politischer, aber konkreter. Doch jeder pflückt sich eh nur das raus, was seine vorgefasste Meinung bestätigt.
LNN: Die Single zeugt von eurer musikalischen Weiterentwicklung. Der mittageisen-Sound gestaltet sich jetzt straffer, eingängiger, kommerzieller.
BW: Wir haben uns bewusst in diese Richtung verändert. Für uns ist in erster Linie wichtig, dass wir uns treu bleiben. Denn es bringt absolut nichts, sich an irgendwelche Trends anzuhängen. Früher haben wir erklärt, nicht die Tanzbären spielen zu wollen und heute tanzen die Leute zu unserer Musik …
LNN: Tanzbarkeit schliesst Qualität ja nicht aus.
BW: Genau! Ich steh zu allem, was wir bisher gemacht haben, wir versuchen einfach gute Musik zu machen. Wenn jemand dazu tanzen will, wieso nicht?
LNN: Die neue Single wurde in Köln von Dir und dem Duo Dokoupil und Kühne (alias MACH II) gemixt, die ja derzeit mit ihrem Mix des Rocky-Thema sehr erfolgreich sind.
BW: Mit dem Ergebnis sind wir durchaus zufrieden. Die Erfahrung der beiden war sehr hilfreich bei der Umsetzung unserer Ideen.

Wer New Order, Depeche Mode und Cabaret Voltaire schon immer für die Grössten gehalten hat, Frank Tovey’s Luxury-Single bereitwillig sein Ohr leiht und einer positiven Ueberraschung nicht abgeneigt ist, der kann wohl nicht anders, als sein Bedürfnis nach intelligenter Unterhaltung mit mittageisen zu stillen!

Tony Lauber

mittageisen LP

Apocalypse Now (CH) 4/5/6/1984

ich hör sie mir an und will ne kritik drüber schreiben, die LP ist zwar schon älter, was soll’s… warum in die ferne schweifen (england) auch wir haben gute bands, mittageisen haben auch Dein interesse verdient, zwar kein 123 exloited punk, schwer verdauliche musik, keine alltagsmusik, schon über looo mal verkauft, es ist schon viel über die band geschrieben worden, manchmal zuviel des guten, eins kann man sagen, dies ist eine LP, ein album, das geschichte macht und in 1o jahren wenn gott will, wird sich mancher fragen, wieso hab ich damals nicht dem kritiker geglaubt, dies ist ne heisse scheibe in der guten tradition von the cure(die neuen Pink Floyd), siouxsie(die auch mal besser waren als heute), mittageisen hat vorbilder, aber der sound ist und bleibt mittageisen.

mittageisen LP

Music Scene (CH) 9/1983

Zum Gruppennamen dieser jungen Luzerner Techno-Band folgende Geschichte: Göring hatte einmal dem deutschen Volke ‚Erz statt Schmalz‘ schmackhaft machen wollen. Der antifaschistische Montagist Heartfield karikierte darauf die Perversionen des Obernazis mit dem Bild einer Familie, die zu Mittag Werkzeuge und Ketten verzehrt. Siouxsie & the Banshees liessen sich davon zum Song mittageisen animieren. Und schon wären wir damit bei den erklärten musikalischen Vorbildern der Gruppe angelangt – wobei beim Anhören ihres Erstlings die Anklänge an die englischen Früh-Depressiven Joy Division und Cure um einiges deutlicher auszumachen sind.
Die monotonen, düsteren Synthieklänge, die sparsame verzerrte Gitarre und der unterkühlte hochdeutsche Gesang von Markus S sind alles andere als dazu angetan uneingeweihte Hörer zu fesseln. Und dann kann einem postwendend folgendes passieren: ich sehe einsamen Sandstrand, faul dösend unter gleissender Sonnen,
höre Pink Floyd in Formentera anno 1969.
Ich weiss, diese meine Bilder entsprechen kaum jenen Traumbildern, die Bruno W zu seinen plakativen Texten inspirierten. Und doch, von Hippie bis zu Neon und Beton ist nicht mehr weit. So sehr mittageisen manchmal einen Balanceakt zwischen Betroffenheit und Schlagworten vollführen, solche genial-surrealen Zeilen wie „Matrosen bringen Blumen an Land, andalusische Hunde spielen am Strand“ rufen nach mehr!

Benni Vigne

mittageisen LP

Rockerilla (I) 4/1984

Ich habe bereits Gelegenheit gehabt zu zeiqen, wie die Plattenproduktionen von Ländern ausserhalb der Achse London – New York seit geraumer Zeit aus der Provinzialität ausgetreten – und reich an qualitativen wie quantitativen Neuheiten ist: Jedes musikalische Phänomen ist heute von weltweiter Bedeutung, auch wenn die gewohnten Geschäftsmethoden und die fügsame Gelehrigkeit des breiten Publikums einen angemessenen Vertrieb – im In- wie im Ausland – von Gruppen, welche nicht in die Grossverkaufspolitik eingeordnet und von angelsächsischen Kritikern nicht beglaubigt sind, verhindern. Wirklich schade, denn allzuoft geschieht es, dass alle die damit zu tun haben Verdauungsstörungen von den immer gleichen Tönen kriegen, bereits wissend was sie von dieser oder jener berühmten Gruppe zu erwarten haben.
Es kommt soweit, dass sie sich an das ergebene und dekantierte blah-blah der Presseberichte – der wöchentlich erscheinenden Musikzeitschriften – der Fernsehvideos gewöhnen. Um aber die Beachtung und die Bedeutung der Plattenspieler zu wahren, ist es also notwendig ausserhalb der abgeklopften Pfade zu suchen: zurück in die kurze Geschichte der Rock-Musik zu gehen um all die grossen und kleinen leuchtenden Steine aufzuheben, mit der Neugierde des Sammlers aber ohne sammlerische Gier, ohne in den
Produktionen einer exotischen Welt zu fischen. Mit der Freude an einer Entdeckung, welche durch die logistischen Schwierigkeiten noch viel grösser wird. So ist es möglich auf Gruppen wie mittageisen zu stossen, Helvetier von deutscher Sprache, deren Album bereits durch die Hülle anzieht,
ein leuchtendes nächtliches Aquarell belebt mit Strassenkatzen und ausgeflippten New Wavers. Die Platte hat alle Fehler, aber vorallem alle guten Qualitäten eines Erstlingswerkes: Naivität, Einflüsse von andern Bands, Frische, Enthusiasmus, Kommunikationsfreude und Ehrlichkeit. Der Name mittageisen ist von einem Siouxsie-Lied übernommen (das seinerseits von einer Arbeit des Collagisten Heartfield stammt).
Die Musiker sind jung und von der Kunstschule stammend. Ihr Betätigungsfeld ist Luzern, obgleich ihr Bandleader Bruno W eine Vergangenheit in der Zürcher Punkszene hat. Seine Texte widerspiegeln die jugendliche Zwietracht, welche in jüngster Vergangenheit auch in der über jeden Verdacht erhabenen Schweiz ihre Ventile zum Luftmachen gefunden haben.
Die Musik ist die, welche man normalerweise als New Psychedelic etikettiert, in diesem Falle aber hat der Sound einen ganz persönlichen Geschmack und mehr als an die neuen Einflüsse lässt er an gewisse klassische Kompositionen der Velvet Underground denken, vorallem wegen der einfachen Struktur – basierend auf progressiven Akkordvariationen und melodischen Steigerungen – welche den beiden Gitarristen Daniel S und Markus S anvertraut sind. Letzterer ist auch der Sänger, dessen Stimme gedämpfte und süsse Töne hat, dies im Gegensatz zu den meisten Gruppen, welche sich in Deutsch ausdrücken, währenddem sich Bruno W um den Synthesizer und die Drummaschine kümmert.
Sehr kämpferisch und anziehend sind ‚persistance de la memoire‘ und ‚Wir‘ aber auch ‚Traum‘ und ‚Dunkelheit‘ verlieren sich in einer wachsenden Leidenschaftlichkeit beim öfteren gefühlvollen Hören. Die Musik erzeugt eine Stimmung die der Zeit entspricht, reflektierend die Dunkelheit der Nacht aber auch eine positive Haltung ausdrückend, Gefälligkeit mit der Absicht Emotionen mit andern zu teilen, jedoch nicht Stücke die einfach zu erfassen sind. Der einzige offensichtliche Unterschied, die Sätze eines langen Gefängnisbriefes von Ulrike Meinhof, aufgelöst in kreischenden Gitarrendisharmonien, welche sich mit der monotonen Stimme kontrapunktieren. Die Jagdsaison ist immer offen!

Vittore Baroni

MITTAGEISEN

CUT (CH), 1983

Die Kälte und das vorprogrammierte Unglück unserer Gesellschaft ist nicht Utopie, das menschliche Gehirn weiss sich der Computerübermacht, die es selbst rief, nicht mehr zu erwehren: Der Wahnsinn als Dauerhappening, zu dem jeder einzelne un/wissentlich beiträgt, ist Realität. Die Plattenindustrie hat angesichts düsterer Prognosen und massiven Umsatzrückgängen für die (funktionsgerecht) arbeitenden (oder arbeitslosen) Massen auf gespielte Fröhlichkeit und sentimentalen Pop umgeschaltet. Und das Leben?
Seit fast zwei Jahren ziehen MITTAGEISEN aus Luzern ihr Ding durch. Und auch bei stürmischer See ist Steuermann Bruno W nicht von seinem Kurs abzubringen: Unter der vermeintlich sachlichen Kühle, die MITTAGEISEN beim flüchtigen hinhören/schauen in Instrumentierung und Styling auszustrahlen scheinen, bewegt sich schmerzlich pulsierendes Leben, brechen Gefühle aus. Musikalisch hört sich dies manchmal an, wie wenn man zwei verschiedene Platten gleichzeitig hören würde: Der von zwei Gitarren und Synthesizer geprägte Sound ist oft schwer und melodiös, im selben Moment berauscht mich die Transparenz und der Eindruck von Verspieltheit in längeren Instrumentalpassagen, die nach mehrmaligen Hören an Faszination noch gewinnen (z.B. „Danach“). Musik und Text sind ein Hilferuf nach menschlicher Wärme und Bewusstseinsveränderung in einer Plastik-Wegwerfkultur der oberflächlichen Gefühle und schnellen Hits. Die Platte ist ein klares Bekenntnis zu Romantik und zu prägenden Kultur- und Polit-Statements („237 Tage“). MITTAGEISEN machen kaum Kompromisse an Trends, ihre Devise ist nicht „Ich will Spass“ sondern „Unsere Zeit ist gekommen“ (Zeile aus dem wohl schönsten Song der LP „Wir“). Bruno W macht kein Geheimnis daraus, dass er sich auch für den Sound von Bands wie Wire, Siouxsie und Cure begeistert. Doch solche Aufzählung ist nur Hilfsmittel, den Sound von MITTAGEISEN geografisch irgendwo anzusiedeln, denn als (wie in einem deutschen Fanzine zum mittageisen Demo-Tape benannte) „Depro-Punks“ seh ich sie nicht, dazu bleibt zuviel Freiraum für Optimismus und Verträumtheit. Die Texte sind durchwegs ausgezeichnet und Tonmeister Röbel Vogel (Sunrise) hat es sehr gut verstanden, der Musik Profil und Klangvielfalt zu geben, obwohl alle Songs recht sparsam instrumentiert sind. Das subtil gestaltete Cover (Hjørdis Dreschel) trägt mit zum ausgezeichneten Eindruck bei, den mir diese Produktion macht.

TL

Wir wollen nicht Tanzbären spielen

LNN Magazin (CH), 25.Mai 1983

Den schlichten, aber unverdaulichen Titel (mittageisen) trägt die erste LP des gleichnamigen Luzerner Trios, das nicht nur von der ungewohnten Besetzung her als Aussenseiter gilt. mittageisen spielt eine stark technisierte, von den Wurzeln des Rock’n’Roll abgenabelte Musik mit deutschen Texten von lyrischem Einschlag. Das im „Jamming Vertrieb“ erscheinende Album kommt anfangs Juni in die Plattenläden und soll auch in Deutschland und Holland vertrieben werden.
Vor einem Jahr gaben sie im Luzerner „Widder“ ihr Debütkonzert; zum Jahresauftakt spielten sie am Kunsthausmonster und nun liegt bereits eine fertige LP-Produktion vor. Bruno W (Synthi, Rhythmusmaschine, Stimme), Daniel S (Gitarre) und Markus S (Gitarre,
Gesang) sehen ihre Wurzeln bei jenen Vertretern der Punkbewegung, die nach der Auflehnung nicht selbst in Unbeweglichkeit
erstarrten. Zu ihren Vorbildern – in England zählt man sie zur „New Psychedelic“-Richtung, gehören Cure, Joy Division, Psychedelic Furs und Siouxsie and the Banshees. Der Gruppenname geht denn auch auf den Siouxsie Song „Metal Postcard/Mittageisen“
zurück, der seinerseits auf die Fotomontage „Hurrah, die Butter ist alle“ von John Heartfield Bezug nimmt. Heartfield, der gegen den Hitlerfaschismus kämpfte, zeigt auf der Fotomontage – einen Ausspruch Görings ansprechend -, eine Familie, die am Mittagstisch Eisen, Werkzeuge und Gewichte verzehrt.
Nach einigen Konzerten im letzten Jahr hat das Sedel-Trio nun in einem St.Galler Studio zehn Nummern eingespielt. Um sich mögliche Interessenskonflikte mit einer Vertriebsfirma oder einem Verleger zu ersparen, hat mittageisen die LP bis zur Plattenhülle in Eigenregie und -finanzierung produziert. Mit einer Aufnahmezeit von nur viereinhalb Tagen konnten die Kosten recht tief gehalten werden. Keine Mehrkosten scheute mittageisen dagegen bei der Verwirklichung einer gelungenen Plattenhülle. Dem auffallenden vierfarbigen Cover liegt die Aquarell-Collage „straycats at midnight“ von der in London lebenden
Luzernerin Hjørdis Dreschel zugrunde. Das Urspungsbild zeigte die Künstlerin bereits an der Kornschütte-Ausstellung 1982, wo drei ihrer Bilder wegen angeblicher Anstössigkeit vom Stadtrat zensuriert wurden.
Auf Publikumsreaktionen bei Konzerten angesprochen meint Bruno W, der die Texte schreibt und das Image der Gruppe massgeblich bestimmt, dass mittageisen nicht im Trend des üblichen Musikgeschmacks liege. Wer mittageisen schon auf der Bühne gesehen hat, weiss, dass die als Markenzeichen stets in schwarzer Kleidung auftretende Gruppe keinen
eingängigen „Hops-die-Hops“-Stil spielt und mit optischen Reizen eher geizt. mittageisen will auch Stimmungen
ansprechen, die nicht allein aufs Tanzbein abzielen. Bruno W weigert sich, wie er sagt, „den Tanzbären“ zu spielen: „Wenn die Zuschauer nur Ablenkung und Unterhaltung wollen, sollen sie doch gleich in den Zirkus gehen.“
Die deutschen Texte – leider lassen sie sich nur mit Hilfe eines Textblattes auf Anhieb verstehen – leben von Sinnbildern
mit lyrischer Stärke und beweisen, dass der sprachliche Ausdruck bei mittageisen eine der Musik ebenbürtige Rolle spielt. Die Texte handeln von der Verworrenheit und Heimatlosigkeit ‚im Niemandsland am Ende des 20. Jahrhunderts‘. mittageisen spielt aber nicht mit der Gebärde der blanken Resignation und verzichtet auf das modisch gewordene „No Future“-Geleier. Als auffälligstes Sinnbild streift Bruno W in seinen Texten immer wieder auf die Dunkelheit zurück. Nacht, Schatten, Nebeldunst und Schwärze stehen hier aber nicht für gedrückte Stimmung. Vielmehr verweisen sie auf die im schwachen Licht bedingte Unschärfe, die bekanntlich mehr (introvertierten) Phantasiespielraum lässt: „Dunkelheit, faszinierend wie Kunst“ heisst es an einer Textstelle.
Die Musik lebt von einfachen Stilelementen und vor allem von der originellen Besetzung. Eine Rhythmusmaschine ersetzt das traditionelle Schlagzeug, und eine Bassgitarre fehlt gänzlich. Synthis, verfremdete Gitarren und eine wenig melodische Stimmführung prägen den mittageisen-Sound, der stellenweise an die Berner GRAUZONE erinnert. „Persistance de la mémoire“ und „237 Tage“ – ein Zitat eines Ulrike-Meinhof-Briefes aus dem Gefängnis – sind wohl die gelungensten Kompositionen, die sich nach paarmaligem Hören sofort im Hinterkopf einnisten.

Claude Settele

mittageisen im Widder

LNN (CH), 20.April 1982

Am Samstag gab die neue Töne suchende Band mittageisen ihr Debutkonzert – ‚Musik zu Liebe und Tod‘ wie das Konzertplakat angekündigt hatte.
mittageisen sind Markus S (Gitarre, Gesang), Daniel S (Gitarre) und Ursula S (Bass); Bruno W, zeichnet für die Texte verantwortlich, bedient die Rhythmusmaschine und spielt Synthesizer. Punk, wo sie herkommen, spielen die Musiker von mittageisen nicht mehr, das Etikett ‚Neue deutsche Welle‘ würde auch nicht passen, ‚Techno‘ wäre der falsche Ausdruck für den Stil von mittageisen: vielmehr sind sie auf dem Weg zu neuen musikalischen Ufern und versuchen sich in neuen Tönen für eine Musik, die ihr Erbe nicht verleugnen kann.
Der Sound ist monoton und verläuft linear, die Musik ist bewusst auf einfache Harmonien gebaut. Der Schlagzeuger und sein Instrument sind bei mittageisen wegrationalisiert und durch eine elektronische Rhythmusmaschine ersetzt, zum Klangbild der Gruppe gehören weiter die zuverlässigen Bassläufe, harte Riffs und verhaltene Soli der Gitarren sowie der eigene Klang des Synthesizers. Die gesungenen Texte aus der Feder von Bruno W zeichnen sich durch ihren literarischen Charakter aus.
mittageisen interpretiert neue Töne, die aufhorchen lassen!