mittageisen im Gefängnis

Ausschnitt aus ‚SEDEL 1981-2001‘, velvet-edition 2001

Anmerkung: Der ‚Sedel‘ ist ein ehemaliges Gefängnis, heute Musik- und Atelierzentrum in Luzern.

alles ist anders … nicht hat sich geändert‚, so der Name der Compilation-CD von mittageisen, einer Band, deren Mitglieder Anfang der 1980er-Jahre regelmässig zu den Sedel-Insassen zählten. Ob es anders ist oder sich was geändert hat? Hier der Versuch, nach 20 Jahren ein subjektives Gesamtbild zu rekonstruieren.

1981 hatte sich Punk von einer innovativen und unabhängigen Musik-Bewegung zu einer weiteren Schublade im Musik-Business entwickelt. Einige Musiker entkamen der Kommerzfalle und versuchten die entstandene Lücke zwischen musikalischem Anspruch und Wirklichkeit auf verschiedenste Weise zu schliessen. Es entstanden neue musikalische Stilrichtungen mit Klängen, welcher heute als ’80s Wave‘ durch alte und neue Bands immer noch präsent ist.

Die eigene Lebenssituation, angereichert um die selbst gewählte britische Tonspur, beinhaltete in diesen Jahren vor allem auch den Versuch, musikalisch Gleichgesinnte zu treffen. So entstand nach einem London-Aufenthalt 1979 u.a. der Kontakt zur Luzerner Punk-Band CRAZY, woraus die Produktion deren zwei Vinyl-Platten resultierte.

1981, mit der Gründung von mittageisen, einer Postpunk-Band, welche sich mit Darkwave identifizierte, wurden wir auch Insassen im ehemaligen Gefängnis. Wer uns besuchen wollte, musste sich nicht nur mehrere Treppen rauf in den Dachstock bemühen, sondern sich zugleich auch als Anhänger einer schwarz gekleideten Minderheit bekennen. Während wir die Aus-/Einwirkungen unserer Umwelt in unserer Musik und Texten verarbeiteten, regelte die ’schneller, lauter‘-Musikfraktion ihren Ausgleich u.a. mittels überdosiertem Verbrauch mehrheitlich legaler Drogen.
Für mittageisen war der Sedel schlussendlich einfach ein Gebäude mit Übungsraum, in dem wir unseren eigenen nonkonformistischen Stil entwickeln wollten/konnten. Nach der Veröffentlichung des ersten Vinyl-Albums mit positivem überregionalen / internationalen Medienecho, hatten wir keine Lust mehr, uns in einem zunehmend von Intoleranz und Neid geprägten Umfeld aufzuhalten. Ein Industriegebäude bot uns Unterschlupf und jenes kreative Umfeld, welches uns zur zweiten Vinyl-Platte automaten inspirierte.

Was bleibt, ist der Sedel als Treibhaus für ‚hundert Blumen‘, wovon immer wieder auch einige nonkonformistische Bands entstehen und überregionale Beachtung finden werden.
Bruno W