Ruth Metzlers verpasste Jugend

Thomas Haemmerli : SonntagsZeitung 28. März 1999

Was die «Hoffnungsträgerin der Jungen» nicht hören wollte: Die CD «Swiss Kult-Hits» bringts nochmals.

Von Ruth Metzler wollten wir nach ihrer Wahl wissen, was ihre Jugend ausgemacht habe. Dann fragten wir uns selbst: Antwort fanden wir in drei CDs und einem Buch.

Wer um 1960 geboren ist, sieht sich zurzeit mit der eigenen Jugend konfrontiert, die allerorten rezykliert wird. Mit einer Mischung aus Amüsement und Schaudern sieht der Sechzigerjahrgang Klamotten-Marotten wieder auftauchen, denen auch er einst obliegen zu müssen gemeint hatte. Vom Couturier veredelt marschiert billiger Discoschick über die Laufstege, der Look von Grace-Jones hat ein Comeback – und: Cool ist 1978! In Bahnhofsnähe lümmeln plötzlich wieder Punks herum, und behördliche Entschlossenheit demontiert in Zürich die Parkbänke: Penner verpisst euch, niemand vermisst euch!

Den 1964-er ficht das nicht mehr an. Er ist von Lebenserfahrung gegerbt, hat es zu etwas gebracht, hat Kinder oder einen Kleinkredit am Hals, ist gerade Bundesrätin geworden oder gehobene Schreibkraft bei der SonntagsZeitung. Als solche sitzt man mit Metzlers Ruth beim Interview und forscht nach Gemeinsamkeiten, fragt nach Generationstypischem, bohrt nach Jahrgangsspezifischem, nach Identitätsstiftendem. Der Jahrgangsgesponsin und Bundesrätin fällt nur Abba ein. Und dass der Bruder mit AC/DC rumgenervt habe. Die Schreibkraft trollt sich und denkt: Was für eine Jugend Frau Metzler auch immer vertritt, meine ist es nicht.

Meine Jugend ist ‚Willy Ritschard‘, wie mir die CD Swiss Kult-Hits diese Woche in Erinnerung gerufen hat. ‚Willy Ritschard‘ war 1982 eine oberschräge Ska-Nummer der Zürcher Band Hertz, mit dem Refrain: «Willy Ritschard, Sohn des Ernst und der Anna Ritschard, volksnah, Sozialdemokrat, liebt das Wandern, liebt Gespräche.» Nach dem Furor von Punk brachten Songs wie dieser eine neue Befindlichkeit auf den Punkt: Alles wurde ziemlich ironisch, und im philosophischen Seminar begann man gerade von der Postmoderne zu schwadronieren.

Das ist passé, aber ‚Willy Ritschard‘ hält bis heute. Genauso wie ‚Campari Soda‚ von der Hertz-Vorgängergruppe Taxi: Sehr entspannt, fast schon Zen, ein wenig Klavier, ein Saxofonsolo (kam immer gut) und der Flugzeugtext: «Ich nimä no en Campari Soda, wiit unter miir liits Wolchemeer, de Ventilator summet liislig, es isch als gäbs mich nümmemeh.» ‚Campari Soda‘ war lange vergriffen (Auflage 600 Stück), war oft in DRS3-Connaisseur-Sendungen und ist der Inbegriff des Kulthits.

Das will etwas heissen, denn inzwischen gilt alles als Kult, was im Ruch steht, etwas mehr Seele zu haben als der übliche Kulturschrott. Kultfilm! Kultautor! Und jetzt diese ‚Swiss Kult-Hits‘, die der Ethnologe und ‚Urmusig‘-Regisseur Cyrill Schläpfer zusammengetragen hat. Die Songs reichen von Mani Matters ‚Hemmige‘ bis in die Neunzigerjahre mit Stiller Has’ ‚Moudi‘ oder Baby Jails Knaller ‚Tubeltrophy‘. Der Hauptharst stammt aber aus den Achtzigerjahren -, als Ruth Metzler sich dem Sport verschrieb, und die Schreibkraft verkifft an Konzerten rumdümpelte.

Im Zürcher Sexkino Walche etwa, wo Stephan Eichers Band den wegweisenden, monotonen und technoiden Neue-Deutsche-Welle-Hit ‚Eisbär‘ zum Besten gab und sich dabei der Jugendbewegungsmetaphorik von der «Packeisschweiz» bediente: «Ich möchte ein Eisbär sein; im kalten Polar. Dann müsste ich nicht mehr schrein, alles wär so klar.» 1982 legte der junge, der vorromantische Eicher solo mit dem Feger ‚Toutes les Filles de Limmatquai (Regarder mais pas toucher)‘ nach. Das gehört ebenso zu den Perlen heimischen Popschaffens wie die Young Gods mit ‚Did you miss me‘, das 1985 schwer und heavy über alternative Tanzflächen hämmerte, gefolgt vom kulturpessimistischen Indie-Disco-Hit ‚automaten‘ von mittageisen: «Arbeit, nur für Automaten. Leben in schwierigen Zeiten, Ordnungen lösen sich auf.»

Im Kopfhörer singt ‚Willy Ritschard‘, der 64-er schwelgt in Vergangenheit und denkt über die Fährnisse des Lebens nach. Hätte jemand 1980 die 16-jährige Luzernerin Ruth an den CRAZY-Gig im Stadtkeller genommen, sie wäre Zeugin geworden, wie die Lokalmatadoren punknotorische «Oh-oh-oh»-Dreiklangchörli und ein aggressives «De Danny isch nid andersch gsi, er isch nur än Schwulä gsi» gesungen hätten. Am nächsten Tag hätte sie in der LNN gelesen: «Krawall im Stadtkeller. Auf der Bühne ging der CRAZY-Sänger mit Kritik an den Getränkepreisen auf Kollisionskurs.» Heute würde Ruth Metzler aufhorchen, wenn DRS3 den rauhen, melodiösen Punk der CRAZY-CD spielt, sie würde sich erinnern, wie stier die Schweiz damals war, als Getränkepreiskritik noch zum Krawall führte. Sie würde feststellen, dass der alte Sound heutigen Punks wie Green Day alleweil das Wasser reichen kann, und sich dann wieder den Akten widmen, weil Bundesrätin sein ja auch ziemlich cool ist.

Ruth Metzler war nicht am CRAZY-Gig und wird wohl nie verstehen, was in den Siebzigern und Achtzigern rauher Sound bedeutete. «Als Selbstfindung, als Trost in trostloser Kunstsinnigkeit, als jakobinische Himmelsleiter, als kleines, von imperialistischen Kulturrömern umgebenes gallisches Dorf bedeutete Rockmusik fast alles», schreibt der Autor Wolfgang Bortlik in «Wurst und Spiele».

Der ungemein witzige, mit Wortspielen und Songzeilen gespickte Roman beschwört die Schweiz der tragischen Jungrebellen auf der Suche nach Sex, Drugs, Rock ’n’ Roll & einer Freundin herauf. Und dort benennt der «Schweizer Hornby» («Facts») abschliessend, was Jugend in den frühen Achtzigern ausmachte: «gute Konzerte, wilde Kunst, seltsame Filme, zusammen Herumsitzen ohne Konsumzwang.»

Bortlik weiss, wovon er schreibt. Er war Spiritus Rector der Aarauer Szene, Herausgeber des Untergrundblattes «Alpenzeiger» und Trommler bei den Bermuda Idiots. Und deren CD «hit recordings 1980-1990» wiederum startet mit dem ungeheuer charmanten Ska «Sörfing hei», das den Zeitzeugen augenblicklich zurückverpflanzt, in eine Zeit, in der selbstgebastelt sehr gut kam, eine Leadsängerin noch besser, und Saxofon spielen überhaupt das Allergrösste war.

Dann ist dem reminiszierenden 64-er etwas blümerant zu Mute. Was ist bloss geblieben? Dies: Die Frisur von Generationsgenossin Metzler, deren Gel-gestählte, rebellisch in die Stirn gezupfte Strähnen doch fadengerade aus den Achtzigerjahren in den Bundesrat hineinragen.

Der Soundtrack:
«Swiss Kult-Hits 1970-1996», CSR Records
«CRAZY», (Bezug über indie-music.ch)
Bermuda Idiots, «hit recordings 1980-1990»
Das Buch zum Sound:

Wolfgang Bortlik:
«Wurst und Spiele», Nautilus, 35 Franken