Grauzone in sehr guter Klangqualität amazon (D), 17. August 2014
Brett. Komplett. (Zumindest fast). amazon (D), 14. Mai 2012
GRAUZONE – 1980-1982 (2CD) BLACK (D), Mai 2012
GRAUZONE 1980-1982 Das dosierte Leben /// Reh-Zensionen (D), Juli 2011
Ein Song und seine Geschichte : EISBAER INTRO (D), 23. Mai 2011
GRAUZONE 1980-1982 fördeflüsterer (D), 13. März 2011
GRAUZONE Loop Musikzeitung (CH), 24. Februar 2011
GRAUZONE – Remastered 1980-1982 NO EASY LISTENING (D), 6. Februar 2011
GRAUZONE – Remastered 1980-1982 alternativmusik (D), 31. Januar 2011
Albträume vom Eisbären NONPOP (D), 29. Januar 2011
GRAUZONE – 1980-1982 IchWillSpass.de (D), 22. Januar 2011
Ins Graue getroffen Der Bund / Tages Anzeiger (CH), 20. Januar 2011
GRAUZONE – 1980-1982 Remastered Art-Noir (CH), 27. Dezember 2010
Das Spiel der Eisbären Basler Zeitung (CH), 18. Dezember 2010
GRAUZONE 1980-1982 indietronic (D), 1. Dezember 2010
Ein Stück Schweizer Popgeschichte DRS3 – Sounds! (CH), 1. Dezember 2010

english and other language reviews

Grauzone in sehr guter Klangqualität

amazon (D), 17. August 2014

Ich denke, zu Grauzone muss man nicht viele Worte verlieren. Sie gehören zu den Vorreitern der NDW, wobei ich sie eher als „Wave auf Deutsch“ klassifizieren würde. Das Beisteuern zweier Songs (Eisbär und Raum) zum Sampler „Swiss Wave – The Album“ machte sie automatisch auch zu Vorreitern eben dieser Bewegung.
Uns liegt nun eine Sammlung (fast) all ihrer Aufnahmen während ihres Schaffens vor: Grauzone 1980 – 1982 Remastered. Der Klangqualität hat das Remastering gut getan: Die Songs wirken frischer als auf den bisherigen Veröffentlichungen.
Der einzige Song aus Grauzones Oeuvre, der fehlt, ist „Schlachtet!“. Dieser Song ist nur auf der Compilation „The Sunrise Tapes“ enthalten.
Dennoch ist es schön, nun endlich so etwas wie ein Komplettwerk in den Händen zu halten.
Erwähnenswert ist noch, dass sich „Marmelade und Himbeereis“ in seiner Komplettfassung auf der CD befindet (im Gegensatz zu der Version auf „The Sunrise Tapes“).
Mein Anspieltipp: „Wütendes Glas (12″-Version)“ und „Der Weg Zu Zweit“

sascha

Brett. Komplett. (Zumindest fast).

amazon (D), 14. Mai 2012

Diese Platte ist ein echtes Meisterwerk und bereitet mir sehr viel Freude. Ich kann alle Songs rauf und runter hören ohne das es langweilig wird und das kann ich neben Künstlern wie Kraftwerk nur sehr selten behaupten. Der Titel Schlachtet ist sicher aus dem Grund entfernt worden, weil der Text gegen die Minderheit geht, ansonsten ist alles komplett in ungekürzter Länge. Der Kauf lohnt sich, es ist eine echte Rarität.

bayermayerkayerrayer

GRAUZONE 1980-1982 (2CD)

BLACK (D), Mai 2012

Wer kennt ihn nicht, den Song „Eisbär“ von GRAUZONE, welcher im Zuge der Neuen Deutschen Welle zum Hit, für die Schweizer Band letztendlich aber zum Fluch wurde.
GRAUZONE kamen ja eigentlich aus dem Punk und hatten eher wenig mit der kommerziellen Ausrichtung der NDW zu tun, wurden aber dafür instrumentalisiert und vereinnahmt, ähnlich wie zur gleichen Zeit die FEHLFARBEN mit ihrem Song „Es geht voran“. Derartige Missverständnisse waren natürlich weder für das Bandgefüge der FEHLFARBEN noch für GRAUZONE gut und so trennte man sich nach drei Singles und einer LP wieder. Deshalb blieben GRAUZONE im Gedächtnis der Mehrheit ein „On Hit Wonder“ und nur wirklich interessierte Hörer wussten um die experimentelle wie seiner Zeit innovative Soundforschung der Band. Ihre Mischung aus Super-8-Filmprojektionen, Tapeschleifen, klirrend-kalten Gitarren-Riffs, New Wave-Bass, monotonen Schlagzeug-Beats und simplen Synthesizer-Melodien mit den doppeldeutigen deutschsprachigen Texten war damals nicht so einfach in eine Schublade zu pressen und leider überdauerten GRAUZONE die Zeit nicht so dominant, wie zum Beispiel die DAF.
1998 erschien dann unter dem Titel „Die Sunrise Tapes“ erstmals eine Werkschau der Band, die sämtliche Aufnahmen von GRAUZONE auf einer CD vereinte, aber auch einige Fehler enthielt. Vor zwei Jahren hat sich dann endlich das Schweizer Label mital-U dem Oeuvre angenommen und dieses ansprechend in Form einer Doppel-CD neu aufgearbeitet. Das bereits bekannte Material wurde dazu neu gemastert und um bisher unveröffentlichte Aufnahmen ergänzt. Beim Hören ist man dann wirklich angenehm überrascht, wie frisch jetzt der schließlich schon rund 30 Jahre alte Sound klingt und mehr als verwundert, warum das damals in der NDW eingeordnet wurde, wo das Ganze doch eher eine Affinität zu Punk, Minimal, Wave und Industrial aufweist.
Insgesamt sind hier 21 Tracks enthalten und die offenbaren mit Songs wie „Raum“, „Moskau“ oder „Wütendes Glas“ richtige Minimal-Perlen, die auch heute noch für volle Tanzflächen in den Indie-Clubs sorgen könnten. Selbst der eigentlich abgedudelte „Eisbär“ tönt beim Wiederhören plötzlich richtig fett sowie dunkel wavig und hat am Ende ja schon immer so geklungen, man hat es halt nur nicht so wahrgenommen.
Abgerundet wird die Doppel-CD im Digipack durch ein dickes Booklet mit vielen Fotos, den Texten und Hintergrundinformationen. Warum man das Material aber auf zwei CDs aufgeteilt hat, wo es doch problemlos von der Spielzeit auf eine CD gepasst hätte, hat eventuell noch konzeptionelle Gründe, aber das man den Track „Schlachtet!“ weggelassen hat, ist mehr als ärgerlich! Das Künstler sich manchmal von ihren „Jugendsünden“ distanzieren ist ja an sich nichts neues und auch wenn der Text heute nicht mehr politisch korrekt sein sollte, gehört doch gerade dieser Song mit auf so eine Werksausgabe. Wer also nicht auf diesen punkigen Hit mit krassen Text verzichten will, muss sich auf die Suche nach dem seltenen Original-Vinyl der LP machen. Alle anderen sind mit „1980-1982“ natürlich bestens und umfassendst bedient, um GRAUZONE und den sogenannten Swiss-Wave wieder neu zu entdecken.

Marco Fiebag

GRAUZONE 1980-1982

Das dosierte Leben /// Reh-Zensionen (D), Juli 2011

Alles wär so klar.
Nur ‚Schlachtet‘ fehlt – es ist auf Wunsch des Komponisten/Autors nicht enthalten. Ansonsten – die lang ersehnte Werkschau der namhaften und bitte bloß nicht auf ‚Eisbär‘ zu reduzierende Schweizer Band Grauzone. ‚tanzende Körper verlieren den Verstand‘ heißt es im Intro ‚Wütendes Glas‘ auf der Original-LP – dieses Lied ist hier gleich zweimal drauf. Grauzone haben die Begabung, den Gesang als Erkennungsmittel per Repetition einzusetzen, etwa in ‚Der Weg zu zweit (ist halb so weit)‘, ‚Träume mit mir!‘ oder ‚Hinter den Bergen‘ und sie bedienen die Düster(Grau)phase ebenso wie die NDW-Hit-Schiene.
Dann müsste ich nicht mehr schrei’n.
Denn ‚Ich lieb sie‘ und das damit verbundenen ‚Marmelade und Himbeereis‘ gereichen UKW und Kah! zur Schande, hängen sie diese doch meilenweit in Liebeslied und Strandsong ab. Selbiges gilt sehr wohl für den Szenehit, der so untypisch für Grauzone ist und sie gleichwohl berühmt gemacht hat – auch er ist zweimal drauf, eben auch als ‚Polar Bear!‘
lm kalten Polar.
‚Ich hab Angst – Angst vor dieser Stimme; diese Stille in diesem Raum – ist wie ein böser Traum. lch weine; doch die Tränen spür ich nicht…‘ – ja, das ist graue Zone, dies ist Atmosphäre, die Wire in Rhythmus und Joy Division in Weltschmerz ins Deutsche übersetzt.
Marco Repettos Liner Notes schließlich fangen viel vom Lebensgefühl und -stil wie vom Zeitgeist ein, der vor 30 Jahren vorherrschend war.
lch möchte ein Eisbär sein.
Werbeslogan: ‚Reqenboqen aus grauen Arealen, erzeuqt durch Musik!‘

Jochen König

Ein Song und seine Geschichte : EISBAER

INTRO (D), 23. Mai 2011

Die Band GRAUZONE wird trotz ihrer Schweizer Herkunft meist der NDW, der Neuen Deutschen Welle, zugeordnet. GRAUZONEs Ruhm reicht weit, obwohl sie nur zwei Jahre existierten, es auf keine zehn Auftritte und nur ein Album brachten. Ein Grund für den hohen Bekanntheitsgrad: der unterkühlte Überhit »Eisbär« von 1981. Marco Repetto, Gründungsmitglied und Schlagzeuger der Band, schrieb für uns die Geschichte hinter dem Song auf.
„EISBAER wurde in der ersten Hälfte des Jahres 1980 geschrieben. In jener Zeit war uns der Punk zu bierselig geworden, unsere Stimmung war sehr futuristisch. Wir schminkten uns die Augen, waren meist schwarz gekleidet. Synthesizer verströmten die damals von uns so geliebte kühle Atmosphäre.
Eigentlich entstand die endgültige Fassung des Songs im Studio. Martin hatte den Text bereits verfasst; die massive Basslinie, auf die sich der Song aufbaut, kam von Bassist Christian Trüssel (G.T.). Beim ersten Take klangen wir extrem nach dem Song >A Forest< von The Cure. Die Labelcrew von Off Course wies uns darauf hin und verlangte eigene Ideen. So entstand der von
wütenden Synthies gebrochene Song EISBAER. Stephan Eicher, der zeitweise mit uns musizierte, war massgeblich für das Entstehen dieses Songs verantwortlich. Er konnte Synthesizer damals bereits ganz gut bedienen.
Die Textidee kam von Martin Eicher (Bild), welcher einen Albtraum mit sprechenden Eisbären an den Wänden hatte. Es war Martins Eigenart, seine persönlichen Stimmungen, Erlebnisse und auch Träume textlich und musikalisch einzubringen wie selten jemand in dieser Zeit. Er traf den Zeitgeist mit seinen künstlerischen Interpretationen auf den Punkt.
Damals bei den Aufnahmen zum EISBAER war ich noch nicht so taktgenau, sodass der Toningenieur, Etienne Conod von den Sunrise
Studios, beschloss, aus meiner Drum-Spur mittels einer Bandschleife einen Loop zu machen – damals eine aufwendige Präzisionsarbeit. Er erläuterte uns, dass es in München bei Disco-Produktionen üblich sei, das so zu machen. Die Drum-Computer steckten damals ja noch völlig in den Kinderschuhen. So bekam der EISBAER plötzlich einen treibenden Discobeat, der dem Song mehr als nur gut stand. Es war, wie man mir vor wenigen Jahren mitteilte, der erste Loop in der Schweizer Musikgeschichte.
Den EISBAER haben wir live eigentlich nie so gespielt wie auf Platte. Unsere wenigen Konzerte waren meist chaotisch, eher Klangperformances, die das Publikum perplex und verstört stehen liessen. Die Musik kam zeitweise vom Band, es gab immer Blaulicht, und dazu liefen Stephan Eichers selbst produzierte Super-8-Filme.
Ich bin überzeugt, dass in dem Moment, als wir die Sunrise Studios verliessen, keiner von uns daran geglaubt hätte, was mit dem EISBAER im Nachhinein geschehen würde. Wir wussten lediglich, dass wir mit einer guten Aufnahme, entstanden nach einem beispiellosen Kraftakt, nach Hause gingen. Und als Arbeiterkinder aus der kleinen Schweiz hätten wir uns niemals zugetraut, ein derartiges Werk zu erschaffen, das noch nach 30 Jahren hohe Wellen wirft.“

befragt durch Linus Volkmann

GRAUZONE 1980-1982

fördeflüsterer (D), 14. März 2011

Über die Band GRAUZONE wissen die meisten nicht viel, und wenn, dann wird die Schweizer Band meist auf den Hit „Eisbär“ reduziert und schnell in die alberne Neue-Deutsche-Welle-Kiste gesteckt. Dabei war dieser Song eigentlich das, was aus England in den späten siebziger Jahren kam, nämlich New Wave mit gewissen elektronischen Klängen und kalter Rhythmik.
1979 hat sich diese Band gegründet, damals noch unter dem Namen XXX, was heutzutage sicherlich zur Verwirrung mit The XX sorgen könnte. Doch irgendwie wollte der Name nicht so recht gefallen, und so änderte man ihn in GRAUZONE um. Zu diesem Zeitpunkt kaufte man sich dann noch Synthesizer und experimentierte mit diesen damals neuen Klangkästen.
Das erste Konzert fand im März 1980 statt, und von da an ging es eigentlich sehr rasant voran. Man nahm die ersten Stücke wie „Blaulicht“, „Animals“ oder ihre erste Single „Moskau“ auf. Damals sang und schrieb Martin Eicher die Songs alleine, später unterstützte sein Bruder Stephan ihn. Kurz danach durften sie Songs auf dem legendären „Swiss Wave“-Sampler veröffentlichen, und dort war dann auch „Eisbär“ das erste mal mit dabei; in der gleichen Session entstand der Song „Raum“.
Die Reaktion auf diese Zusammenstellung war so gross, dass man „Eisbär“ als Single veröffentlichte, was zu noch grösserem Interesse führte, so dass man sich entschloss, das schlicht „GRAUZONE“ betitelte Debüt aufzunehmen. Dass dieses auch ihr einziges Album wurde, hatte man sicherlich nicht vermutet.
Nun hat das kleine Schweizer Label mital-U die Musik von GRAUZONE auf einer gelungenen Compilation aufleben lassen. Da ihre Karriere sich auf ein Album beschränkt, kann man sich schon wundern, dass dieses Label es geschafft hat, die Geschichte auf zwei CDs auszuweiten.
Deswegen findet man hier fast alle Songs der Langspielplatte (ausser „Schlachtet“, welches auf Wunsch des Autors nicht dabei ist) und einiges an Bonusmaterial, wie die Maxi Version von „Wütendes Glas“, die englische Version ihres Riesenhits oder die Liveversion von „Plastikherz“. Wenn man diese beiden Silberlinge sich anhört, bemerkt man, wie facettenreich ihr Repertoire ist.
Von niedlichem NDW-Wave wie „Marmalade und Himbeereis“ über wütenden Postpunk „Ein Tanz mit dem Tod“ zur Electronica-Blaupause „Film 2“ bis zu ColdWave-Songs wie „Kunstgewerbe“ oder „Kälte Kriecht“.
Diese Songs finden sich auf dieser Zusammenstellung mit dem einfachen Namen „1980-1982“, dazu allerhand Bilder und andere Erinnerungsstücke und ein Vorwort vom ehemaligen Schlagzeuger Marco Repetto.

Hauke Heesch

GRAUZONE

Loop Musikzeitung (CH), 24. Februar 2011

Paul Thomson, Schlagzeuger von Franz Ferdinand, blätterte während des Interviews durch das Magazin, für das ich die Band interviewte. Er blieb bei einem Albumcover mit einem Eisbären drauf hängen. Ihn irritierte, dass sein Album ein anderes Cover hatte. „Ein absolut cooler Song! Ich liebe GRAUZONE!“, schwärmte er. Als Beweis begann Thomson den Song auf Englisch zu zitieren. Da er den Ausdruck „Polar Bear“ vergessen hatte, sprach er von „Eisbar“. Die englische Fassung des Songs, „Polar Bear“, befindet sich als Erstveröffentlichung auf der Doppel-CD „GRAUZONE 1980-1982“. Das Album enthält 21 Songs in Originallänge.
GRAUZONE gehörten zu den Wegbereitern der Neuen Deutschen Welle. Trotz des Radioerfolgs von „Eisbär“ verweigerte sich die Band mit Martin Eicher, G.T. (Christian Trüssel), Marco Repetto und Stephan Eicher kommerziellen Ansprüchen. 1981 spielten GRAUZONE im Zürcher Kino Walche ein Konzert und hatten die Songs neu arrangiert, doch das Publikum wollte die Songs in der Radiofassung hören. Repetto und die Eichers veröffentlichten 1982 „Die Sunrise Tapes“. Das Album war mit Synthesizer, Gitarre, Snare und Bassdrum spärlich instrumentiert.
Nach der Veröffentlichung trennten sich die !(ege der Musiker. Stephan Eicher begann im selben Jahr seine Solokarriere. Seine frühen Alben führten das minimalistische musikalische Konzept von GRAUZONE weiter. Die Erfahrungen des Walche-Konzertes hinderten Stephan Eicher nicht daran, die Songs an den Konzerten in neuem Arrangement zu spielen. 2003 nahm er nach langem Drängen des Publikums „Eisbär“ ins Programm der „Taxi Europa“-Tour auf.
„GRAUZONE 1980-1982“ zeigt das kurze Schaffen einer der wichtigsten Schweizer Bands auf. Die Songs wirken kalt, haben aber keine Patina angesetzt. Vergleicht man „GRAUZONE 1980-1982“ oder die im letzten Herbst erschienene Anthologie „Yello by Yello“ mit dem stromlinienförmigen Sound heutiger Bands, vermisst man die spontane Intensität, mit denen die Bands Anfang der Achtzigerjahre ans Werk gingen.

Yves Baer

GRAUZONE – Remastered 1980-1982

NO EASY LISTENING (D), 6. Februar 2011

„Deine Augen
tausend Sterne
für alles in dieser Welt
Deine Augen
tausend Sterne
gegen alles in dieser Welt“

Zugegeben, mit „Neue Deutsche Welle“ konnte ich nie wirklich etwas anfangen. Für mich versprühte die quietschend bunten, mit allen Effekten der aufkeimenden Techno-ära überladene Popmusik nur wenig Reiz, eher noch Abscheu. Das hat sich nun verändert – oder zumindest differenziert.
Stein des Anstosses war ein Lied, dass ich nie recht verstanden habe, das immer eine obskure, kalte Atmosphäre für mich ausstrahlte: GRAUZONEs einziger grosser Hit ‚Eisbär‘. Dieses Lied übte immer eine eigenartig-faszinierende Wirkung auf mich aus, empfand ich es doch immer als nicht ganz in den Rahmen von fetzigen Disko-Fragmenten der Zeitgenossen passend. Da kam die überarbeitete Veröffentlichung des Gesamtwerks von GRAUZONE genau recht, um mir einen überblick und einen ersten Einblick in eine von mir eher belächelte Musikrichtung zu verschaffen. ‚1980-1982 Remastered‘ enthält sämtliche veröffentlichten und unveröffentlichten Stücke der Band, einzig ‚Schlachtet!‘ fehlt aus unbekannten Gründen.
Wirklich interessant ist, was sich da bei der Recherche entdecken lies. Zum Beispiel der Fakt, dass sich GRAUZONE zu Zeiten der Bandexistenz 1980-1982 stets auf einen Song reudziert sahen, und dadurch den Schritt gingen, ‚Eisbär‘ gänzlich aus der Setlist zu streichen. Ebenso die klare Differenzierung der Band von ihren „Ich geb Gas, ich will Spass“-Zeitgenossen. Genau das lässt sich auch in der Musik ablesen, und noch mehr.
Gut, auch GRAUZONE können sich natürlich nicht gänzlich von ihren Wurzeln freisprechen, denn etliche Titel wären so durchaus in den grossen Hitparaden denkbar gewesen. Andere jedoch gar nicht, und genau da wird es spannend: denn die Musik, die man hier mitunter zu hören bekommt, klingt teilweise wirklich verstörend und finster, eben ganz entgegen der bunten Bonbonwelt. Hier wurde viel mit Elektronika experimentiert, jedoch nicht, um grössere Eingängigkeit oder plastischere Produktion zu erreichen, sondern viel mehr aus einer Vision heraus.
Diese Vision klingt wie auch schon ihr überhit meist entrückt, irgendwie kalt. Ein Grossteil der Titel fusst zwar auf stampfenden Elektro-Rhythmen, jedoch wusste GRAUZONE hier durch etliche harsche Einschübe gezielt Brüche zu erzeugen, die dass poppige Grundthema sofort in einem anderen Licht darstellen, Risse in der platten Welt aus Synthetik erzeugen. Neben diesen, eher klassische Popstücken gibt es aber auch atmosphärische, experimentelle Stücke, die es nachwievor Wert sind, gehört zu werden. Solche Titel wie ‚Maikäfer Flieg‘ oder ‚In der Nacht‘ bergen auch heute noch Verzweiflung, Leere und Ohnmacht in sich daran konnten die Jahre nichts ändern – generell strahlen die Stücke eine Modernität aus, die im Hinblick auf das Alter fasziniert.
GRAUZONE zeigt für mich auch abermals den stark zyklischen, bzw. sich selbst kopierenden Charakter des Musikmarktes, denn viele der hier zu vernehmenden Stücke sind heute fast genau so wieder zu hören. Die frisch aufkeimende Elektro-Thrash- und Elektro-Indie-Szene ist letztlich nichts anderes als die Nachfahren genau solcher Musik; nur dass die meisten ihrer Hörer die Originale nicht mehr kennen. Vor nun schon 30 Jahren wurde hier Musik bereits vorweggenommen; nur war sie natürlich für den grossen Markt doch zu verquer – da ist die Reduzierung auf einen Song wesentlich leichter verdaulich.
FAZIT: ‚1980-1982 Remastered‘ stellt eine spannende Veröffentlichung dar, ebenso als überblick für Neulinge wie mich, aber auch für Fans der ära oder Band, denn die unveröffentlichten Rehearsel-Stücke lassen einen noch ungefilterteren Blick auf die Band zu – eine Band, die eine musikalische Vision verfolgte, und die damit die Basis für das bildete, was heute als en vogue gilt.

MaGrAe

GRAUZONE – Remastered 1980-1982

alternativmusik (D), 31. Januar 2011

„Ich möchte ein Eisbär sein, im kalten Polar“ – eine Textzeile, die jeder, der auch nur annäherend mit Musik zu tun hat, kennt. Ein Meilenstein, ein Hit, ein allseits bekannter Song. Hier hört es dann aber fast schon auf. Eventuell weiss man noch, dass der Original-Interpret GRAUZONE heisst, unter Umständen ist der Name aber auch schon gar nicht mehr bekannt. Und auch, wenn für das Cover dieser Doppel-CD ein Eisbär im fernen Hintergrund bemüht wurde: GRAUZONE waren deutlich mehr als dieser eine Hit, der als wegbereitend für die Neue Deutsche Welle galt und im Rahmen dieser auch über die Massen – nennen wir das Kind beim Namen – „verramscht“ wurde. Dies zeigt beispielhaft die jüngst erschienene Veröffentlichung.
Davon, dass GRAUZONE vor allem im Post Punk und auch im New Wave (oder hier konkret: Swiss Wave) verankert waren, ist im allgemeinen Gedächtnis kaum bekannt. Ein Song wie ‚Ein Tanz mit dem Tod‘ würde da vielerorten anecken. Endzeitig anmutende Synthesizer und eine düstere Stimmung, dazu ein eher geschriener Gesang sind alles andere als Hit-Maschinen. Vor allem präsentieren sich GRAUZONE als eine Formation, die machte, was sie wollte. Instrumentale wie ‚Film 2‘ zeigen das genauso: Ein packendes Stück dunklen Elektros, das auch ganz ohne Vocals seine Atmosphäre entfaltet. Irgendwie zeigen sie sich eben doch zugänglich auf ihre Weise ‚Marmelade und Himbeereis‘ hat beispielsweise gar balladeske Anleihen, bevor die punkig geäusserte Feststellung „Wir sind alle prostituiert“ diesen Eindruck wieder relativiert. Es finden sich somit viele Belege, warum GRAUZONE in Indie- und auch Gothic-Kreisen eben doch zu einem heimlichen Ruhm gefunden haben. ‚Wütendes Glas‘ ist so ein Beleg. Es besitzt einen starken Groove, eine angenehme Post Punk-Atmosphäre und kann mitreissen – ein Soundgewand, für das viele Bands der heutigen Post Punk-Welle vieles hergeben würden.
Nicht nur die Tatsache, dass es generell heutzutage schwer ist, an den GRAUZONE-Output ranzukommen, rechtfertigt diese Veröffentlichung. Mehrwert gibt es auch dadurch, dass hier sechs bisher nicht auf CD erschienene und drei davon gar nicht veröffentlichte Songs zu finden sind. Die englische Version von ‚Eisbär‘ beispielsweise ist so ein Fall. Auch das schleppend-verzweifelte ‚Plastikherz‘ ist bisher weder auf CD noch einst auf LP zu haben gewesen. Darüber hinaus wird zur CD ein aufwändiges Booklet mit 24 Seiten mitgeliefert, das einen einleitenden Text von Marco Repetto, die Lyrics und viele Bilder sowie Hintergrundinformationen enthält. Somit eine spannende Veröffentlichung und eine hervorragende Gelegenheit zur Grundlagenforschung!

Michael We.

Albträume vom Eisbären

NONPOP (D), 29. Januar 2011

Das Interview zur neuen Doppel-CD „1980-1982 Remastered“
Es gibt eine ganze Reihe guter Bands, die fälschlicherweise den kommerziellen Auswüchsen der Neuen Deutschen Welle zugeordnet werden. Die meisten von ihnen hatten Anfang der 1980er-Jahre genau einen grossen Hit im bunten NDW-Umfeld, auf den sie das breite Publikum fortan reduzierte. Zur falschen Zeit am richtigen Ort, oder andersrum. FEHLFARBEN mit „Ein Jahr (Es Geht Voran)“, RHEINGOLD mit „Dreiklangsdimensionen“, MALARIA! mit „Kaltes Klares Wasser“ oder das dilettantische, aber geniale Minimalprojekt von MAX GOLDT, FOYER DES ARTS mit „Wissenswertes über Erlangen“ sind Beispiele. Alle diese Musiker und Bands hatten nicht viel mit der neuen deutschen Spassigkeit zu tun. Sie waren experimenteller, avantgardistischer, punkiger oder unterschieden sich sonstwie von der regulären Chartware.
Beides – Hit und Vielschichtigkeit – trifft in besonderem Masse auf die Schweizer Formation GRAUZONE zu. Mit „Eisbär“ produzierte sie 1981 wohl einen der bis heute erfolgreichsten deutschsprachigen Titel überhaupt, wehrte sich aber während ihrer kurzen Existenz – von 1980 bis 1982 – stets gegen die Vereinnahmung durch die NDW-Front. Obwohl die Musiker mit dem kühlen, monotonen Song das damalige Lebensgefühl trafen, wie ihnen nahezu jeder Lexikoneintrag bescheinigt, entfernten GRAUZONE das Stück – welches die Band kurz nach ihrer Gründung exklusiv für den legendären Sampler „Swiss Wave“ eingespielt hatte – gar aus der Setlist ihrer Konzerte.
Welches Potential die damals in Bern beheimatete Gruppe barg, zeigt die gerade erschienene Doppel-CD „1980-1982 Remastered“. Sie enthält – bis auf „Schlachtet!“ – alle Songs, die GRAUZONE jemals eingespielt haben, für Sampler, Singles, Maxis und das einzige Vollzeitalbum „GRAUZONE“ (1981). Einige Lieder hätten durchaus zum „Eisbär“-Nachfolger getaugt, andere klingen destruktiv, wütend, verzweifelt. Drei von ihnen sind unveröffentlicht, etwa die englische Version des Überhits („Polar Bear“) oder das grossartige, punkige und live mitgeschnittene „Plastikherz“.
Zu GRAUZONE gehörten im Verlauf der zwei Jahre – in unterschiedlichen Kombinationen – sechs Mitglieder: MARCO REPETTO (Drums), CHRISTIAN TRüSSEL (Bass), die Brüder MARTIN und STEPHAN EICHER (Gesang, Gitarre, Synthesizer), CLAUDINE CHIRAC (Saxophon) und INGRID BERNEY (Bass). Gegründet wurde die damals noch namenlose Band aber nur von zwei Musikern, von CHRISTIAN TRüSSEL und MARCO REPETTO, die 1979 ihre Punkband GLUEAMS auflösten. Sie holten MARTIN EICHER dazu, der bei GLUEAMS schon ab und zu an der Gitarre ausgeholfen hatte, und fortan probte das Trio in einem Keller. Der Rest ist bekannt beziehungsweise überall nachzulesen.
Drummer MARCO stand uns, zum Erscheinen der neuen CD und damit rund 30 Jahre nach „Eisbär“, für ein Interview zur Verfügung. Unterstützt wurde er dabei von BRUNO WASER. BRUNOs Label MITAL-U ist verantwortlich für „1980-1982“, er kennt MARCO unter anderem durch das damalige gemeinsame Fanzine SONDERNUMMER. Ausserdem produzierte er 1980 die erste Schweizer Punk-LP (CRAZY „No Chance“) und war selbst Kopf der Gruppe MITTAGEISEN (1981-1986).
Hallo BRUNO, hallo MARCO. Was heisst denn ‚remastered‘ im Fall der neuen Doppel-CD? Wie habt Ihr die Stücke technisch bearbeitet, verbessert?
BRUNO: Ein wesentlicher Teil des Remastering-Prozesses war die komplette Restaurierung und Digitalisierung der Originalaufnahmen. Die Tonbänder waren nach rund 30 Jahren teilweise defekt, und nur mit grossem Aufwand konnten sämtliche vorhandenen Aufnahmen (inklusive der drei unveröffentlichten Stücke und zwei Konzerte) digitalisiert werden. Um eine bestmögliche Tonqualität zu erreichen, wurden unerwünschte Störgeräusche und Rauschen minimiert, ansonsten jedoch möglichst wenig an den Originalaufnahmen verändert.
Was für ein Gefühl ist das, 30 Jahre altes Material noch einmal so intensiv zu hören? Oder habt Ihr Euch ohnehin immer wieder mit den Liedern von damals beschäftigt?
MARCO: Um den „Eisbär“ bin ich die ganze Zeit nie gekommen, nicht zuletzt durch meine Arbeit als Elektronik-Musiker der ersten Stunde. Für fast alle Macher und Protagonisten der Technogeneration galten der Song „Eisbär“ bzw. GRAUZONE als Kult hin bis zur Götterverehrung. Dadurch geniesse ich viel Respekt von der Community als Original und Pionier der zeitgenössischen elektronischen Musik. Dafür bin ich dankbar – auch etwas stolz dabei gewesen zu sein – und respektiere zurück 🙂 Während und nach dem grossartigen Remastering-Projekt von BRUNO hab ich mich natürlich wieder vermehrt mit der Musik von damals beschäftigt – es war sehr emotional, Erinnerungen kamen hoch, aber auch die Enttäuschung unserer Zerbrechlichkeit von damals, im Speziellen die zerschlagenen Träume. Die deutlich stärkste GRAUZONE-Besetzung war die Anfangsformation mit CHRISTIAN TRüSSEL am Bass, MARTIN EICHER (Gesang-Gitarre) und mir am Schlagzeug. Nicht zu vergessen die wunderbare CLAUDINE CHIRAC mit ihrem Saxophon. Sporadisch wirkte später STEPHAN EICHER mit, welcher uns immens half, unsere Qualitäten als Band in jeder Hinsicht freizustellen, sei es musikalisch wie stilistisch, ein Talent, das ihn bis in die heutige Zeit auszeichnet.
BRUNO: Für mich war/ist GRAUZONE ein bedeutender Teil des Soundtracks zu einem wichtigen Lebensabschnitt.
Wieso fehlt mit „Schlachtet!“ (im Original auf dem ersten und einzigen Album „GRAUZONE“) ein einziger Song aus dem Backkatalog von GRAUZONE?
BRUNO: Das Stück wurde auf ausdrücklichen Wunsch des Autors/Komponisten nicht veröffentlicht und in einem solchen Fall haben für mich als Produzent/Verleger die Rechte des Künstlers Vorrang.
MARCO: Dieser Song passte MARTIN nicht mehr, warum weiss nur er selber. Persönlich fand ich das sehr schade, der Song widerspiegelt das Gefühl und die Ohnmacht der bleiernen Achtzigerjahre. Da MARTIN alleiniger Besitzer der GRAUZONE-Rechte ist, hatte ich nicht die Möglichkeit, mich beim neuen Release einzubringen.
MARCO, kannst Du Dich noch an das erste GRAUZONE-Konzert erinnern, 1980 in Bern? Auf der Doppel-CD ist ja ein Stück von diesem Konzert („Plastikherz“), bislang unveröffentlicht. Wie war die Stimmung, wie viele Leute waren da?
MARCO: Ja, daran erinnere ich mich noch gut, schliesslich hatte ich das Konzert organisiert. Da wir mit unserer ersten Punkband, den GLUEAMS ziemlich bekannt waren, kamen einige hundert Besucher in den GASKESSEL Bern, das war, soviel ich weiss, unser zweites Konzert. Die Stimmung war so postpunk-mässig, das heisst, es hatte nicht mehr nur Punks, sondern auch vermehrt Waver dabei, sophisticated people sowie ‚Normalos‘ – die Szene war gewachsen. Man spürte förmlich den zweiten Aufbruch seit 1977. Die musikalischen Interessen waren wie ein Feuer entfacht, das allmählich begann, lichterloh zu brennen und sich nach allen Seiten auszuweiten. Einen Bekannten von mir hatte ich beauftragt, das Konzert mit einer REVOX-Bandmaschine aufzunehmen. Die Aufnahme von „Plastikherz“ ist Teil davon. Dank dieser Aufnahmen, welche ich an URS STEIGER (OFF COURSE) schickte, gelangte unsere Musik zu OFF COURSE RECORDS, welche später GRAUZONE unter Vertrag nahmen und den „Eisbär“ und das Album herausbrachten. Als Musiker wurden wir so zum ersten Mal so richtig ernst genommen. STEPHAN EICHER und CLAUDINE CHIRAC spielten da auch mit.
Angeblich hast Du ja für die Bühne den ersten Drum-Loop der Schweizer Musikgeschichte erfunden, weil Du kein besonders guter Livedrummer warst. Hast Du mal in einem Interview erzählt. Stimmt das wirklich, oder war das Teil der GRAUZONE-Legende?
MARCO: Das stimmt so nicht ganz (grins), live ging das ganz gut, waren wir doch bei unseren paar wenigen Auftritten sehr chaotisch und immer noch punkig. Dieser Loop entstand in den SUNRISE STUDIOS während der Aufnahme zu „Eisbär“. Da ich damals noch keine zwei Jahre Schlagzeug spielte, war ich noch nicht so taktgenau. ETIENNE CONOD von SUNRISE legte uns nahe, mich spielen zu lassen und dann einfach einen genauen Part als Bandschleife zu nehmen. Er erklärte uns, dass man das in München für Disco-Produktionen so mache. München war zu dieser Zeit die Disco-Produktionshochburg Europas. So entstand dieser legendäre hypnotische Eisbär-Beat.
Welche Stimmung herrschte denn damals generell in der Schweiz, was die Musik angeht? Ihr habt ja beide in Punk- / Wavebands gespielt, war das eine ähnliche Aufbruchstimmung wie zum Beispiel in London?
MARCO: 1978/79 war ich oft in London, verhängte voll in der Szene dort, sah unzählige Bands und saugte diese Aufbruchstimmung voller farbenfroher Kreativität auf. Gerne erinnere ich mich an diese Zeit zurück, es war wohl die Zeit, welche mich in meinem Leben am meisten geprägt hat. Die Mode, die Musik und das Bewusstsein. In London waren einfach alle Teil davon – täglich ein Riesenspass, die Stadt lebte. Ganz nebenbei bekam ich meine gute Dosis an Sex, Drugs and Rock’n’Roll ab. Kam ich jeweils dann zurück in die Schweiz, erlebte ich eine Ernüchterung an der Grenze. Nichts war hier wie in England, alles hier war damals fein und sauber geputzt. Im Bern von damals war es beinahe schwierig, ein Papierchen auf die Strasse zu werfen ohne böse Blicke oder gar Ermahnungen zu erhaschen.
Mit derartiger ‚Fremdenergie‘ war es eigentlich im Nachhinein gar nicht so schwierig, bei uns etwas Neues zu machen. Das Spannendste an der Zeit von damals war, die Punkenergie in Sachen Musik, Mode und Benehmen wirken zu lassen. Man hatte die in sich oder eben nicht. Es war dann auch wie ein Virus, das sich rasant ausbreitete – irgendwie waren ganz viele Menschen überall mit ähnlichem Bewusstsein. Auch die unruhigen politischen ‚Bewegungsjahre‘ waren bereits angebrochen oder kündeten sich unmissverständlich an.

BRUNO: Durch die CH-Radiosendung „Musik aus London“, welche in den Endsiebziger-Jahren jeden Sonntagabend um 21 Uhr die Schweiz und die angrenzenden Gebiete Deutschlands mit aktuellen Informationen und Musik aus UK versorgte, bekam ich relativ früh einen Zugang zur damaligen Musik in London. Und so flog ich im Sommer 1978 nach London und tauchte für wenige Wochen in die dortige Punk-Bewegung ein. Ich sah und hörte unter anderem METAL URBAIN aus Frankreich, SIOUXSIE AND THE BANSHEES, THE CLASH, SUICIDE aus New York. Angesteckt von der musikalischen Aufbruchstimmung begann ich nach meiner Rückkehr für Fanzines zu schreiben (unter anderem zusammen mit Marco für SONDERNUMMER) und produzierte die erste Punk-LP (CRAZY) der Schweiz.
Zu dieser Zeit – 1980 – entstand auch der legendäre Sampler „Swiss Wave“, der GRAUZONE berühmt gemacht hat. Denn für diesen Sampler hat die Band „Eisbär“ produziert, den grossen Hit. Bis heute werden vermutlich alle ehemaligen GRAUZONE-Mitglieder auf dieses Lied – und nur auf dieses – angesprochen. Nervt das?
MARCO: Viele Leute kennen GRAUZONE ausschliesslich wegen „Eisbär“, das ist ja nicht verwunderlich. Schliesslich war das der einzige Song, der auf irgendeine Weise weltberühmt wurde und auf unzähligen Compilations zu finden ist. Darum finde ich das vorliegende Remastering-Projekt sehr wertvoll wenn nicht gar notwendig, da es unverblümt das wahre Gesicht von GRAUZONE zeigt, unter anderem mit der Liveaufnahme oder den B-Seiten der Singles. Das erst zeigt die Vielschichtigkeit des Schaffens der verschiedenen Phasen von GRAUZONE. Gerade für die ‚Nur den Eisbär Kenner‘-Fraktion eine gute Lektion von einer Band, welche das bis ins letzte Detail gelebt hat, was sie sagte.
Ihr habt damals ja einiges getan, um nicht nur auf „Eisbär“ reduziert zu werden. Zum Beispiel habt Ihr den Song auf Konzerten gar nicht gespielt. Wie waren die Reaktionen?
MARCO: Wir hatten das Konzept, Studioaufnahmen und Konzerte gänzlich zu differenzieren. Im Studio wurde Klangforschung in Perfektion betrieben, während wir live unberechenbar blieben und eine Art Klangperformance mit Super-8-Filmen betrieben. Die Reaktionen waren natürlich schon da von enttäuschten Besuchern, welche „Raum“ oder den „Eisbär“ hören und nicht ein chaotisches Konzert erleben wollten.
Auf „1980 – 1982“ ist eine englische Version von „Eisbär“ drauf. Ist die wirklich nie veröffentlicht worden? Das wäre vielleicht sogar Euer internationaler Durchbruch gewesen … So wie „99 Red Balloons“ von NENA.
MARCO: Dazu kann ich sagen, dass der Gesang und Text in der deutschen Originalfassung einfach perfekt und treffend für die Zeit waren, der „Eisbär“ in der Originalfassung wurde ja weltweit verkauft. Ich glaube definitiv nicht, dass die englische Fassung nur annähernd das gleiche Potential gehabt hätte wie eben der „Eisbär“. Aber historisch wertvoll, dass diese Version vollständigkeitshalber nun auf der Doppel-CD ist.
BRUNO: Die Aufnahmen zu „Polar Bear“ waren verschollen und wurden im Rahmen dieses Remastering-Projektes wieder entdeckt und restauriert. Die Gründe der damaligen Nicht-Veröffentlichung sind aus heutiger Sicht nicht mehr klar bzw. gibt es unterschiedliche Erinnerungen.
Ihr habt bewusst keine Fernsehauftritte gegeben, spieltet jedes Konzert mit anderem Repertoire und in einer anderen Stimmung, mit langen Synthie-Improvisationen – wolltet Ihr nicht berühmt werden?
MARCO: Schlussendlich sind wir es trotzdem geworden. Wir sahen uns auch als sich wandelndes Kunstprojekt, das tut, was es tun muss. Ich glaube nicht, dass wir uns überlegten berühmt zu sein, wir waren zu fest am ‚Machen und Wirken‘. Als sehr sensible Menschen durchlebten wir auch Ängste und konnten deshalb nicht auf ein breites Publikum los, vor allem als Liveband nicht.
Wer hat sich eigentlich den Text zu „Eisbär“ ausgedacht, und warum?
MARCO: MARTIN hatte einen Albtraum von sprechenden Eisbären an den Wänden, den er zum genialen Text und Titel des Songs verarbeitete.
BRUNO, auch das Cover von „1980 – 1982“ zielt auf „Eisbär“ ab – unvermeidlich?
Wir haben verschiedene Cover-Vorschläge erarbeitet. Schlussendlich hat sich MARTIN EICHER für das Foto mit dem Eisbären entschieden.
Gibt es eigentlich auch eine Geschichte zum Bandnamen GRAUZONE?
MARCO: Das war die Idee von CHRISTIAN, dem Bassisten. Er kam einmal zu den Proben mit dem Namen, welchen wir auf Anhieb übernahmen. Das passte zu uns, wir waren oft grau und schwarz angezogen mit weissen Schuhen. Zudem hatte MARTIN EICHER dauernd einen grauen Overall an. Zuerst wollten wir uns DAS KINO oder CINÉ nennen. Das allererste Konzert im März 1980 gaben wir im Berner Punk- und Waveclub SPEX als XXX.
GRAUZONEs Affinität zum Thema ‚Film‘ war offensichtlich. Wie schon von Euch erwähnt, wurden zum Beispiel Super-8-Filme auf den Konzerten abgespielt – was habt Ihr da eigentlich gezeigt?
MARCO: Das waren Experimental-Aufnahmen, welche STEPHAN EICHER machte. Was ich noch weiss, ist, dass er uns einmal in einer Hochhaussiedlung filmte, das lief bei einem unserer Konzerte dann zu Blaulicht.
Nach dem ersten Album habt Ihr Euch, so steht es in den meisten Biografien, auf Filmarbeiten konzentriert. Was heisst das, habt Ihr einen ‚richtigen‘ Soundtrack komponiert? Eure Stücke „Film1“ und „Film2“ waren doch für einen fiktiven Film, oder?
MARCO: Ja, das waren wirklich fiktive Filme. Vor allem für STEPHAN und MARTIN war es eine Kunstform, ‚Soundtracks‘ zu spielen, damals einfach revolutionär und vor allem neu für uns, es auf Platte zu bringen neben ’normalen‘ Songs.
Wenn man sich die Doppel-CD heute anhört, steckt da unglaublich viel Potential drin. So unterschiedliche Songs, von denen viele musikalisch nichts mit „Eisbär“ zu tun haben. Das verzweifelte, punkige „Plastikherz“ (erinnert mich übrigens sehr an JOY DIVISION), das düstere und monotone „Kälte Kriecht“, das nur mit Beats und verwehten Vocals arbeitet. Aber auch Stücke wie „Marmelade und Himbeereis“, die sicher ein prima NDW-Hit hätten werden können … bis auf die Textzeile „Wir sind alle prostituiert“ vielleicht. Warum habt Ihr Euch getrennt, statt noch ein Album aufzunehmen, bei den vielen Ideen?
MARCO: Es war eine ungesunde Mischung aus höchsten Erwartungen von der Plattenfirma mit ihren Bemühungen, eine ’saubere‘ und ‚handliche‘ Band zu machen, sowie unseren psychischen und Drogenproblemen. Auf einmal redeten uns Leute drein von weit her, welche wir nie sahen, geschweige denn kannten. CHRISTIAN und ich stiegen dann nach den Albumaufnahmen aus, weil wir uns nicht mehr in der neuen Konstellation fanden und wohl nicht mehr ins Konzept der Gebrüder EICHER passten.
Viele Beobachter machen ausgerechnet „Eisbär“ für die Trennung verantwortlich, weil Ihr – nach dem Erfolg des Titels – den Wechsel zu einem Major angeblich nicht verkraftet habt. Steckt da ein Stück Wahrheit drin? War das aus heutiger Sicht ein Fehler, die Unterschrift?
MARCO: Ein Fehler war meiner Meinung nach, dass die Plattenfirma EMI, an welche OFF COURSE die GRAUZONE-Aufnahmen lizenziert hatte, nicht Klartext mit uns gesprochen hat. Sie hätte uns diesbezüglich besser betreuen sollen.
Wenn Ihr mal mit Blick auf die Doppel-CD versucht, zusammenzufassen, was GRAUZONE vor 30 Jahren waren, wie sie klangen, was sie sein wollten – wie würde ein Fazit lauten?
MARCO: Schlussendlich muss ich mir eingestehen, dass vielleicht die tragische Geschichte um GRAUZONE diese Band zu dem gemacht hat, was sie ist. Mir hat diese Geschichte viel Kraft gegeben in allem, was ich musikalisch bis heute mache. Es sind noch viele Grundgedanken in meinem Handeln aus dieser Zeit, welche mich, wie anfangs erwähnt, so sehr geprägt haben. Keine Sekunde möchte ich aus meiner GRAUZONE-Vergangenheit vermissen, rückblickend hatten wir in einer sehr kurzen Zeit unsere Musik gelebt, ohne jegliche Kompromisse einzugehen. Das alles hat schmerzhafte Spuren und Folgen hinterlassen, jedoch hat die Zeit unsere Tränen getrocknet und unsere Liebe erwidert.
MARCO, hast Du noch Kontakt mit den anderen Ehemaligen?
Manchmal und ab und zu.
Gibt es GRAUZONE-Pläne? Zum Beispiel das Konzert aus dem Jahr 1980 komplett zu veröffentlichen?
MARCO: Das könnte ich mir irgendwann mal vorstellen.
BRUNO, MARCO, was macht Ihr beide heute?
BRUNO: Verschiedene Tätigkeiten, neben Label (mital-U) unter anderem Dozent an einer Hochschule.
MARCO: Als noch einziger aktiver Musiker der Urformation von GRAUZONE arbeite ich im Bereich der elektronischen Musik. Bewege mich zwischen Techno-, Ambientklängen und Klanginstallationen für bildende Künstler. Betreibe das Künstlerlabel INZEC RECORDS, auf dem ich meine Releases veröffentliche. Auf den Sommer 2011 erscheint eine Zusammenarbeit mit der wunderbaren Hackbrettformation ANDERSCHT aus dem Appenzell. Später werde ich an meinem neuen BIGENERIC-Album arbeiten, welches im Herbst dieses Jahres ebenfalls auf meinem Label veröffentlicht wird. Musikalisch wird’s für mich ein sehr entspanntes und chilliges Jahr.
MARCO, BRUNO, vielen Dank für das Interview, viel Erfolg für die Retrospektive und hoffentlich bis bald zur Besprechung der ersten GRAUZONE-Konzert-CD …

Michael We.

GRAUZONE – 1980-1982

IchWillSpass.de (D), 22. Januar 2011

Endlich das ultimative Komplettwerk von GRAUZONE auf CD?
Wurden bei den letzten GRAUZONE CDs noch essentielle Titel ausgelassen – beim 1990er 3Klang Release war gar kein Platz für die Singles, bei der „Sunrise Tapes“ CD von 1998 fehlten Originalversion von „Wütendes Glas“ und einige B-Seiten – hat man nun endlich die Chance genutzt, den kompletten GRAUZONE Backcatalogue auf CD zusammenzustellen. Lediglich „Schlachtet!“ wurde auf Wunsch des Autors nicht berücksichtigt. Schade eigentlich, bei dem geringen Output der Band der tut jeder fehlende Song weh.
Das Spektrum von GRAUZONE ist bekannt breit, die Qualität unbestritten, es reicht vom punkigen „Ein Tanz mit dem Tod“ über das blankpolierte Intrumentalstück „Film 2“ und der rauen Sound-Collage „Film 1“, neudeutsch auch Dark Ambient, bis hin zum minimalsten Liebeslied überhaupt: „Ich Lieb sie“.
Dazwischen tummeln sich zeitlose Perlen wie „Träume mit mir“, „Moskau“ und der Beziehungs- und Gänsehautsong „Der Weg zu Zweit“, unlängst von keinen Geringeren als Egotronic zeitgemäss gecovert und ein steter Konzerthöhepunkt der Elektropunker.
„Wir tragen Sterne
Wir tragen Herzen
Wir wollen lachen
Und wollen scherzen
Dann wieder weinen
Und traurig scheinen.
So muss das sein, so wird das sein..“

(Der Weg zu Zweit)
Schliesslich das alles überstrahlende „Eisbär“, erster deutschsprachige New Wave Chart-Hit, Wegbereiter der kommerziellen NDW (zusammen mit „Dreiklangsdimensionen“ von Rheingold) und ewiger Tanzflächenfüller auf allen 80er/NDW/Wave Partys. Der melancholisch-pessimitische Text von Martin Eicher spiegelt nicht nur das damalige Lebensgefühl perfekt wider, sondern ist auch heute noch aktuell, was die ungebrochene Beliebtheit des Titels beweist. Wollen wir nicht alle manchmal lieber ein Eisbär sein?
Sehr interessant für uns NDW Geschichtsschreiber und diejenigen, die von GRAUZONE sowieso schon alles haben, sind die raren Tracks „Polar Bear“ (Eisbär auf englisch gesungen, sehr nett), „Tanzbär“ (Eine Art Eisbär Remix, wurde im letzten Moment von der Debüt LP gekippt) und die frühe Liveaufnahme „Plastikherz“ in der Urbesetzung, noch ohne Stephan Eicher.
Das Doppel-Digipak bietet neben einer liebevollen Cover-Gestaltung auch ein dickes Booklet: mit einem Vorwort von GRAUZONE Gründungsmitglied Marco Repetto, seltenen Fotos und allen Plattencovers und Texten der Band.
Ja, es passt alles zusammen, die beiden CDs sind für mich eine würdige Aufarbeitung der leider viel zu kurzen GRAUZONE Periode 1980-1982 in der Schweiz.

Ingo

Ins Graue getroffen

Der Bund / Tages Anzeiger (CH), 20. Januar 2011

Sie kamen aus Bern und lieferten den Hit zu den Zürcher Jugendunruhen von 1980: dass GRAUZONE aber mehr waren als «Eisbär», zeigt jetzt eine Doppel-CD mit ihrem beeindruckenden Gesamtwerk.
Das Publikum war zu perplex, um die Band mit Bier zu bewerfen. Die Musiker, die Ende 1980 im Zürcher Pornokino Walche auf der Bühne standen, waren nicht in Form. Schlechte Drogen waren im Spiel, die Stimmung unter den Musikern war mies, das Auditorium zornig. Mehr Erinnerungen sind da nicht. Nur so viel: Es war das letzte Konzert von GRAUZONE in ihrer Grundformation. Man hatte sich verzettelt im Bemühen, dem Publikum das zu verweigern, was es hören wollte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Berner eine unbequeme Untergrundband, die zwar bereits einen Welthit hatte, davon aber noch nichts wusste.
In einem geräumigen übungsraum am Berner Bollwerk trafen sich seit Anfang 1980 Schlagzeuger Marco Repetto, Bassist GT (eigentlich Christian Trüssel) sowie Sänger und Gitarrist Martin Eicher, um eine Musik zu bewerkstelligen, von deren stilistischer Ausrichtung sie nur vage Vorstellungen hatten. Nur eines war klar; sie sollte anders und offener sein als der bierselig gewordene Punk. Marco Repetto war mehrmals nach London gereist und war angetan von der Einmischung der Kunstszene in die musikalische Subkultur. Er verehrte Bands wie Siouxsie and the Banshees oder Wire und bewunderte das ausgeklügelte Bandkonzept von Velvet Underground – so etwas sollte in Bern auch möglich sein, und daran wurde gefeilt.
Keine gute, eine schöne Band
Man begann, mit gemieteten Synthesizern zu experimentieren, und bald stiess mit Martins Bruder, Stephan Eicher, ein kunstaffiner Bonvivant zur Band. Er war Absolvent der Zürcher Schule für Kunst und Mediendesign, beriet die Band im visuellen Auftritt und brachte sich auch musikalisch ein. «Stephan war ein Meister der Motivation», erinnert sich Marco Repetto, der als einziges der Gründungsmitglieder über die kurze, aber intensive Zeit bei GRAUZONE sprechen will. «Als er uns das erste Mal im übungsraum besuchte, fand er, dass wir keine besonders gute, aber eine schöne Band seien und dass wir lernen müssten, unser mangelndes Können mit einem Höchstmass an Gefühl zu kompensieren.»
Im Juli 1980 wurde GRAUZONE, inzwischen erweitert durch die Saxofonistin Claudine Chirac, ins Sunrise-Studio im sankt-gallischen Kirchberg geladen. Die Band sollte zwei Stücke für eine CD mit New Wave aus der Schweiz einspielen. Doch im Studio kam es beinahe zum Eklat. Marco Repetto fiel durch leichte Rhythmusschwankungen auf, weshalb sich die Produzenten dazu entschieden, für das Stück «Eisbär» aus den Schlagzeugaufnahmen einen Drum-Loop zu basteln, eine Methode, die damals in den neuesten Discoproduktionen angewendet wurde. Doch die Produzenten waren mit dem Ergebnis noch immer nicht zufrieden.
500’000 verkaufte Singles
Also pröbelte man weiter – und auf einmal ging es um mehr als um Aufnahmen, es ging um die Selbstfindung der Gruppe GRAUZONE. Das Zeitbudget wurde hoffnungslos überzogen, die Stimmung war angespannt, doch am Ende verliess man das Studio mit zwei Songs, von denen einer – eben «Eisbär» – in die Musikgeschichte eingehen, die Band kurz darauf aber auch zerreissen sollte. «Eisbär» war ein in allen Belangen fortschrittliches Stück Musik, es war frostig und doch tanzbar, mit schnoddrigem Punk-Appeal aufgeraut und doch eingängig, und man ging auch produktionstechnisch höchste Risiken ein, weshalb Marco Repetto Tontechniker Etienne Conod heute als heimliches sechstes Mitglied von GRAUZONE bezeichnet.
Zunächst nahm von diesem Pioniergeist jedoch kaum jemand Notiz. Erst ein halbes Jahr später meldete sich EMI Deutschland bei den Bernern, «Eisbär» wurde als Single veröffentlicht und schlug – in einer Zeit, in der die Neue Deutsche Welle von der Plattenindustrie entdeckt wurde – ein wie eine Bombe. Mit fast 500’000 verkauften Singles weltweit war der Song einer der erfolgreichsten des Schweizer Pop. Und mit seiner Metapher vom Leben im kalten Polar wurde das Stück zum Signet der Zürcher Jugendunruhen von 1980.
Es wäre noch mehr möglich gewesen
Dass GRAUZONE das Potenzial gehabt hätten, eine noch nachhaltigere Rolle zu spielen, beweist die neue Doppel-CD «1980-1982», die (bis auf ein Stück) sämtliches Material enthält, das die Band aufgenommen hat, inklusive einer Liveaufnahme von 1980 und fünf noch nie auf CD erschienenen Stücken. GRAUZONE schlenkerten so unberechenbar wie neckisch zwischen Avantgarde und Pop, zwischen New Wave, Post-Punk und Neuer Deutscher Welle, zwischen sprödem Ernst und wunderlichem Humor, ohne sich je zu entscheiden.
Das Songmaterial ist erstaunlich gut gealtert, da finden sich in bestem No-Wave-Duktus gehaltene Zornausbrüche wie das wunderbare «Ein Tanz mit dem Tod» neben schlüssigen Instrumental-Elektro-Tracks wie «Film 2» oder auch eigentliche «Eisbär»-Nachfolge-Hits wie «Raum» und «Träume mit mir». GRAUZONE nahmen Anfang der Achtzigerjahre viel von dem vorweg, was heute im Post-Punk-Revival wieder als chic gilt.
Eine Band, zwei Fraktionen
Dass bereits nach zwei Jahren Schluss war mit GRAUZONE, lag an den diffizilen und differenten Charakteren in der Band – und an einem Erfolgstrauma. «Wir kamen mit dem Druck nicht zurecht, wir wollten keine Konzessionen an den Massengeschmack machen, und doch spürten wir, dass wir in einer Liga mitmischten, in der untergeht, wer nicht erfolgreich ist», so Marco Repetto. Zwar raufte sich die Band zusammen und spielte ein wegweisendes, aber nicht besonders erfolgreiches Album ein.
Doch bereits bei diesen Aufnahmen wurde klar, dass die Band zerrüttet war. «Es gab die Eicher-Fraktion, und es gab GT und mich, die in dieser Konstellation einfach untergingen», sagt Marco Repetto. «Dabei bin ich überzeugt, dass die Kollision dieser verschiedenen Temperamente den Erfolg von GRAUZONE ausgemacht hat. GT und ich rissen Dinge an, auf welche die Eicher-Brüder nicht gekommen wären, und umgekehrt. Wir waren eher für das Unberechenbare zuständig, während die Eichers Stil und Schick brachten.»
Schmerzhafte Bandauflösung
Die Auflösung der Band hat – ausser bei Stephan Eicher, der schon während der GRAUZONE-Zeit die Solokarriere lancierte – bei den Beteiligten tiefe Wunden hinterlassen. Repetto: «Man kann sich das so vorstellen: Wir sassen vor einem grossen Schatz, aber konnten ihn nicht greifen, weil wir uns selber in die Quere kamen.» Weil es sich als Punk nicht schickte, Verträge zu unterschreiben, wurden die Rechte nie geregelt (Repetto und GT sind auf Papier nur an wenigen Songs urheberrechtlich beteiligt).
Martin Eicher hat sich nach einem gescheiterten Soloversuch aus der Musik zurückgezogen, während sich Marco Repetto und GT zunächst in der No-Wave-Band Eigernordwand austobten und sich später aus den Augen verloren. Repetto ist als Produzent und Betreiber des Labels Inzec Records noch in der elektronischen Musikszene aktiv. «Vermutlich fehlte uns der Glaube, dass wir einfachen, punkig veranlagten Arbeitersöhnchen aus dem kleinen Bern zu etwas Grösserem fähig sind», resümiert er.

Ane Hebeisen

GRAUZONE – 1980-1982 Remastered

Art-Noir (CH), 27. Dezember 2010

Ende 1979 wurde die Band GRAUZONE von Martin Eicher, G.T. und Marco Repetto gegründet. Im März 1980 spielten sie verstärkt mit Stephan Eicher und Claudine Chirac ihr erstes Konzert im Spex in Bern. Auf dem Sampler „Swiss Wave – The Album“ wurde „Eisbär“ und „Raum“ veröffentlich. „Eisbär“ wurde als Single heraus gegeben und wurde ein grosser Erfolg, er passte zur aufkommenden Neue Deutsche Welle. Die Band ignorierte den kommerziellen Erfolg und konzentrierte sich auf Studio- und Filmarbeiten. Im 1981 entstand ihr einziges Album. 1982 kam Ingrid Berney zu GRAUZONE, sie unterstützte Martin und Stephan Eicher bei Konzerten und war auch bei der letzten Studiosession dabei. Nach zehn Konzerten, vier Singles und einem Album löste sich die Gruppe 1982 leider auf.
Ich will nicht viele Worte über den „Eisbär“ verlieren, es ist der bekannteste Song von GRAUZONE. Kein anderer kann den Zeitgeist, der damals herrschte, besser beschreiben.
„Raum“ ist ein Track im New Wave-Style gehalten, eine hübsche Bass-Line mit einem passenden Drum-Set, ergänzenden Gitarren, klagender Gesang und eine Saxophon-Part gegen den Schluss. „Moskau“ beginnt mit einem abgedämpften Gitarren-Riff, mir gefällt dabei die einfache Synti-Melodie im Grundthema. „Ein Tanz mit dem Tod“ ist intensiv und ein Klagelied von einer verlassenen Seele. Weiter geht es mit dem wunderbaren, minimalistischen und kitschigen „Ich lieb sie“. Warnung des Schreiberlings: Die Nummer ist nicht für Menschen gedacht, die gerade Liebeskummer haben!
„Film 2“ ist der Opener des einzigen GRAUZONE Album, er ist fast ohne Gesang. Er kam damals sehr gut auf der Tanzfläche an. „Hinter den Bergen“ ist einer der Höhepunkte auf dem Album, er ist minimal gehalten und hat eine melancholische Melodie. Das „Gerumpel“ nach zwei Minuten passt grossartig in den Song. Bei „Marmelade und Himbeereis“ geht es um einen Urlaubsflirt im Sommer irgendwo in Italien am Strand, zu Beginn eher banal, aber nach 02 Minuten 10 wird es richtig punkig und klar „Wir sind alle prostituiert“.
Die zweite CD startet mit „Wütendes Glas“, einer meiner Favoriten auf dem GRAUZONE Album. Ich mag die Zeile „Tanzende Körper verlieren den Verstand“, tanzbar, auch wenn in dieser Version etwas ungelenkig. Gerade passend zu den jetzigen Temperaturen: „Kälte kriecht“, eine mystische Komposition mit einem schleppenden Takt und einem Flüster-Gesang. „Der Weg zu Zweit“ ist mein Lieblingssong auf dem Album, da stimmt einfach Sound und Text, ich habe ihn so oft gehört, aber jedes Mal wenn er erklingt, habe ich das Gefühl von „Zuhause angekommen sein“. Es gibt nur ganz wenige Lieder, die mir dieses Gefühl geben können.
„Tanzbär“ ist bis Dato noch nie veröffentlich worden, er wurde nur einmal am Radio in der Sendung „Sounds“ auf DRS gespielt. Er ist mit 1:18 sehr kurz. „Träume mit mir“ wurde 1982 als letzte Single und Maxi veröffentlich, eine logische Entwicklung nach dem Album. Auch dieser Song sehr tanzbar, auch wenn der Text eher verträumt ist. Auf die Maxi wurde das neu eingespielte „Wütendes Glas“ gepresst, diese Version ist auch heute noch ein Tanzflächenknaller, der mächtige Synti-Bass und das dominierende Drum-Set bildet die Grundlage, die feinen Gitarren-Licks und der glasklare Gesang passen harmonisch ins Gefüge.
„Polar Bear“ ist eine grossartige Version, der knallige Bass dominiert noch mehr wie beim Original, ich mag sie und werde den Song in Zukunft vermehrt auflegen. „Plastikherz“ ist nochmals ein Schmankerl für alle Fans, eine Live Aufnahme aus dem Gaskessel in Bern.
Definitiv, dieses Album gehört zu meinem 10 Alben für die einsame Insel, für mich ist das GRAUZONE Album das Beste, das in der Schweiz im letzten Jahrhundert veröffentlicht wurde. Deshalb ohne Diskussionen 5 Sterne. Ich kann das Remastered Album jedem Musikliebhaber jenseits des Mainstreams empfehlen. Ich gratuliere mital-U und im speziellen Bruno W zu seiner leidenschaftlichen Arbeit an diesem ausserordentlichen, mit viel Herzblut gemachten 3-fach Digipack.

JHG Shark

Das Spiel der Eisbären

Basler Zeitung (CH), 18. Dezember 2010

Mit dem Lied «Eisbär» warf GRAUZONE 1980 hohe Wellen. Die Berner Band mit Martin und Stephan Eicher hatte mehr zu bieten als diesen Neue-Deutsche-Welle-Hit. Das zeigt ein neu veröffentlichtes, starkes Kompendium.
Wer erinnert sich an GRAUZONE, die Berner Band um die Gebrüder Eicher, Marco Repetto, GT und die Saxofonistin Claudine Chirac? Die meisten kennen ein einziges Lied: «Ich möchte ein Eisbär sein, im kalten Polar. Dann müsste ich nicht mehr schrei’n, alles wär‘ so klar.»
«Eisbär» muss in einem Kühlhaus entstanden sein, bei gefühlten zwanzig Grad unter Null. Die Stimme von Martin Eicher wirkt emotionslos verweigernd, mit einem Unterton von Verzweiflung. Bass und Schlagzeug wummern und ticktacken unbeirrt durch den Song. In den nicht besungenen Zonen geben scharf klirrende Gitarren und ein Synthesizer Störgeräusche von sich. Auch das Saxofonsolo schlingert kreuz und quer durch ein All von Hall, quiekend wie junge Sauen.
MONOTONIE. Dieser Bausatz gilt für viele Lieder dieses Doppelalbums. Monotonie ist gewollt, kein Ton zu viel und Langeweile kommt nie auf. «Moskau» beginnt mit einem Wetterbericht: «Bern heiter null, Prag bewölkt eins, Warschau bewölkt ein Grad, Moskau bedeckt, Schneefall minus vier, Moskau bedeckt, Schneefall minus vier, Moskau bedeckt, Schneefall minus.» – die repetierte Radiostimme wird leiser. Und erst dann setzt langsam eine Gitarre ein, eine kraftwerksche Melodie und ein einfacher Disco-Bass, den man später auf «Les Filles de Limmatquai» wiederfinden würde, Stephan Eichers leichtherzigerem Hit (1982).
MELANCHOLIE. Das Grundthema der 21 Songs bleibt die Kälte. GRAUZONE verabschieden sich von der rockistischen Idee, Musik müsse warm oder gar heiss sein. Dies – und eine fast feierliche Melancholie – macht den Unterschied zu Punk.
Woher kommt der eichersche New Wave und wohin versorgt man ihn? New Wave wurde immer als Weiterführung von Punk gesehen: Dieselbe Vehemenz, aber bereichert um fremde Elemente, ähnlich dem übergang von Rock’n’Roll zur Beatmusik. Aber das will zu GRAUZONE nicht ganz passen.
Historisch sieht man zwei progressiv-abstrakte Bewegungen im europäischen Rock: Die Canterbury-Zeit von 1968 bis 1973 (Soft Machine, Kevin Ayers), darauf der deutsche Krautrock oder Motorik Beat (Kraftwerk, Neu!, Faust). Der erstaunlich stringente und starke Output von GRAUZONE, aber auch jener von Kleenex, Hertz und der ganz frühen Yello, liesse sich rückblickend als eigenständige, späte dritte Linie verstehen. Als stoischer und häufig experimenteller Schweizer Progrock: Puzzles einer neuen Eiszeit. Polkas der Vereinzelung. Postkarten der Verzweiflung. Im Pulverrauch von Punk. In der Nacht vor New Wave.

Albert Kuhn

GRAUZONE 1980-1982

indietronic (D), 1. Dezember 2010

Am 1. Dezember 2010 erschien eine neue Compilation der Schweizer New Wave-Formation GRAUZONE bei mital-U. Nachdem 1998 mit ‚The Sunrise Tapes‘ schon eine Compilation erschienen war, von der zumindest im Booklet behauptet wurde, dass sie sämtliche von GRAUZONE veröffentlichten und authorisierten Musiktitel enthält, kann man bei 1980-1982 einen solchen Satz zwar nicht finden, in die Tat umgesetzt wurde er diesmal allerdings wirklich.
Das Soll wurde sogar mehr als erfüllt: zusätzlich zu den drei bisher noch nie auf CD veröffentlichten Stücken enthält 1980-1982 drei bis dato gänzlich unveröffentlichte Werke. Ausserdem sind alle Titel in kompletter Länge auf der Compilation enthalten. ‚Marmelade und Himbeereis‘ war auf ‚The Sunrise Tapes‘ ja unverständlicherweise um das punkige Ende beraubt worden und Eisbaer gab es nur in der gekürzten Single-Version darauf zu hören.
1980-1982 ist ein bemerkenswertes Dokument einer wirklich grandiosen Band, die viel mehr zu bieten hat, als ihren allseits bekannten Hit Eisbaer.

Harald

Ein Stück Schweizer Pop-Geschichte

DRS3 – Sounds! (CH), 1. Dezember 2010

Sie gehörten zwischen 1989 und 1982 zu den Wegbereitern der neuen Deutschen Welle und landeten mit «Eisbär» ihren grossen Hit: GRAUZONE aus Bern. Unter dem Titel «GRAUZONE 1980-1982 Remastered» ist eine neue Doppel-CD erschienen – mit 21 digital remasterten Stücken, sechs davon noch nie auf CD und drei davon überhaupt noch nie veröffentlicht.
Podcast / MP3 => GRAUZONE-Beitrag ab 65:50 Minuten

Dominic Dillier / Urs Musfeld